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Kühe an Bord

Floating Farm: Die insgesamt 32 Kühe stehen in einem Boxenlaufstall mit Hafenrundblick. Fotos: Philipp Eberstein

Autarke, schwimmende Farmen. Was sich im ersten Moment nach Science-Fiction anhört, ist im Hafen von Rotterdam bereits Realität. Wir haben uns die Milchviehhaltung auf dem Wasser einmal angeschaut.

Die wackelige Metallrampe unter den Füßen macht nicht gerade den sichersten Eindruck. Knapp vier Meter darunter schwappt das tiefschwarze Wasser gegen das Hafenbecken, während von oben die Sonne in den Nacken brennt. Um uns herum dröhnen schwere Bagger und im Hintergrund summt der Verkehrslärm der Großstadt. Nur das zweistöckige Gebäude treibt ruhig auf seiner schwimmenden Plattform. Es erinnert ein wenig an ein überdimensionales, überdachtes Floß. Ab und an streckt eine Kuh den Kopf hoch und beäugt fast gelangweilt die zweibeinigen Besucher. Mitten im Hafen von Rotterdam wurde im Mai dieses Jahres der weltweit erste schwimmende Milchviehbetrieb eröffnet – die Floating Farm. Der Clou des Projekts ist, dass hier nicht nur Kühe fressen und Milch geben, sondern dass die Milch auch gleich weiterverarbeitet und ausgeliefert wird.

Schwimmende Häuser sind in Holland keine Seltenheit, aber einen schwimmenden Milchviehbetrieb gab es bislang noch nicht, nirgendwo. Die Idee kam Immobilienentwicklerin Minke van Wingerden bereits 2012 während einer Geschäftsreise nach New York. Zu diesem Zeitpunkt wütete Hurrikan Sandy an der Ostküste und zog eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. „Die Menschen gerieten in Panik und kauften die Supermärkte leer. Der Nachschub an frischen Lebensmitteln gestaltete sich schwierig und die Vorräte reichten gerade noch für zwei Tage“, sagt Minke van Wingerden. Dabei kam ihr die Idee, frische Lebensmittel dort zu produzieren, wo viele Menschen leben, und sie direkt zu versorgen. Natürlich nicht nur nach einer Naturkatastrophe, sondern auch im Alltag. Doch freie Flächen sind in einer Metropole wie Rotterdam Mangelware. „Bis auf Wasser, das ist hier reichlich vorhanden“, sagt Minke van Wingerden. Zusammen mit ihrem Mann entwickelte sie das Projekt für eine schwimmende Farm: die Floating Farm. „Selbst steigende Meeresspiegel durch die Klimakrise sind kein Problem. Die Plattform sinkt und steigt mit den Gezeiten. Sogar einem Orkan kann sie standhalten“, sagt die Immobilienentwicklerin. 

Willkommen an Bord 

Und so kamen die Rindviecher aufs Wasser. Insgesamt 40 Kühe haben im obersten Stockwerk auf der insgesamt 1.200 Quadratmeter großen Insel Platz. Zurzeit leben 32 Tiere der Rinderrasse Montbéliard auf der Farm. Die mittelrahmige Zweinutzungsrasse ist sehr ruhig und ausgeglichen. „Die Kühe stammen von einem holländischen Betrieb, der seine Milchviehhaltung aufgegeben hat. Doch bevor die Kühe einziehen durften, hat sich die Familie das Bauwerk vor Ort angeschaut und ihre Zustimmung gegeben. Der Landwirt wollte sichergehen, dass es seinen Tieren gut gehen wird“, sagt Minke van Wingernden. Von der Plattform aus blicken die Kühe auf den Hafen von Rotterdam. Die Ebene ist als Boxenlaufstall konzipiert. Nur zwei Mitarbeiter sind für die Arbeiten am Stall notwendig. Die Liegeflächen sind mit Kompost gefüllt. Gemolken und entmistet wird automatisch mittels Roboter. Das Futter gelangt aus dem unteren Stockwerk über Förderbänder direkt zu den Tieren. „Im Großen und Ganzen funktioniert der Stall autark. Auch der Strom wird größtenteils über Sonnenkollektoren und Windräder erzeugt“, sagt Minke van Wingernden. Das Futter stammt natürlich nicht von Bord. Aber auch bei den Rationen der Kühe versucht die Floating Farm, nachhaltig zu wirtschaften. Die einzelnen Bestandteile stammen von Fabriken aus der Stadt. „Es handelt sich dabei um Abfallprodukte, wie Kartoffelrückstände, Biertreber oder Getreidereste. Nur das Gras wird als Heu von einem eigenen Naturschutzgebiet gewonnen“, sagt die Niederländerin. Der Mist der Tiere wird in Urin und Kot separiert und weiter genutzt. Der Festbestandteil wird teilweise zum Einstreuen verwendet. Der Urin hingegen landet aufbereitet als Dünger im niederländischen Fußballstadion. Ein Stockwerk tiefer fließt die Milch der 32 Kühe in einen Tank. Trinkmilch und auch Joghurt werden daraus hergestellt. Knapp 800 Kilo Milch produzieren die Tiere derzeit pro Woche, wobei die Projektinhaberin von etwa 9.000 bis 10.000 Kilo Milch nach einem Jahr und pro Kuh ausgeht. Die Milch und die weiterverarbeiteten Produkte finden sich in benachbarten Supermärkten oder können vor Ort erworben werden – die Farm ist nämlich für Besucher zugänglich. „Das war ein weiteres Anliegen beim Bau der Farm. Wir wollten den Menschen in der Stadt die Landwirtschaft wieder näherbringen und ihnen zeigen, woher ihr Essen kommt. Gerade viele Kinder haben keinen Bezug mehr dazu. Aus diesem Grund wurde der Bau auch offen gestaltet. Die Leute können von außen die Kühe sehen“, sagt Minke van Wingerden. Daher öffnet der schwimmende Milchviehbetrieb regelmäßig seine Türen. „Seit der Eröffnung waren bereits mehr als 7.000 Besucher bei uns“, sagt die Projektleiterin. Aus diesem Grund gibt es auch einen extra Raum für Schulprojekte und Präsentationen.

Zukunftskonzepte

Der Bau des schwimmenden Kuhstalls soll aber nicht das letzte landwirtschaftliche Projekt im Hafen von Rotterdam gewesen sein. Auch einen Hähnchenstall mit Platz für circa 7.000 Tiere planen Minke van Wingerden und ihr Mann. Die Hähnchen sollen ihren Platz neben dem Milchviehbetrieb bekommen. Auch ein schwimmendes Gewächshaus ist angedacht. „Die Pläne dafür liegen schon auf dem Tisch“, sagt Minke van Wingerden, „aber von der Zeichnung bis zum fertigen Bauwerk wird noch einige Zeit vergehen. Zumindest wären wir damit dem Ziel, frische Lebensmittel direkt in der Stadt zu produzieren, sehr nahe.“ Bis es so weit ist, dürfen die Kühe noch allein im Hafen von Rotterdam vor Anker liegen. Ob es ein zukunftsfähiges Konzept ist, wird sich zeigen. 

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