Home » Technik und Wirtschaft » Future of Farming and Food » Frauenpower in der Landwirtschaft
Future of Farming and Food

Frauenpower in der Landwirtschaft

Fotos: Timo Jaworr

Linda Kelly und Magdalena Zelder sind Landwirtinnen aus Leidenschaft. Die gekürte Junglandwirtin 2019 Magdalena Zelder (MZ) lebt auf dem Berlingerhof in Bombogen in Rheinland-Pfalz mit ihrem Mann, ihren Kindern, dem Hofhund, 90 Milchkühen und 720 Legehennen. Der Hof der gekürten Landwirtin 2019 Linda Kelly (LK) und ihrer Familie liegt in der Nähe des Bodensees. Auf 170 ha Ackerfläche bauen sie Weizen, Gerste, Leguminosen, Körner- und Silomais an. Im Interview sprechen die Landwirtinnen über ihren Alltag, Digitalisierung und die Zukunft der Landwirtschaft.

Warum haben Sie sich für die Landwirtschaft bzw. für das Berufsfeld Landwirtin entschieden?

LK: Für den Beruf Landwirtin entscheidet man sich, glaube ich, nur aus vollster innerer Überzeugung. Es ist die Prägung, die einem schon in die Kinderwiege gelegt wird: die Traditionen und die Heimat zu wahren und zu pflegen und das von den vorherigen Generationen Aufgebaute weiterzuführen und zu leben. Wenn auch nicht immer gleich, einfach anders mit anderem Schwung und neuen Ideen. Die Leidenschaft für das Aussäen und Ernten ist für mich besonders emotional und der Grundstock für hochwertige Lebensmittel. Mit der Natur zusammenzuarbeiten und gemeinsam im Einklang hochwertige Lebensmittel zu produzieren, das ist das, was mich an diesem Beruf fasziniert. 

MZ: Weil es so wunderbar vielseitig ist. Man weiß am Morgen nicht, was einen am Abend erwartet, Flexibilität ist eine Grundvoraussetzung. Zudem fasziniert es mich noch heute, die Natur so nah zu erleben, Jahreszeiten, die kommen und gehen. Tod und Geburt, Freud und Leid liegen nah beieinander. Es ist einfach unheimlich erfüllend, am Abend zu sehen, was man mit seiner eigenen Hände Arbeit getan hat. Landwirtschaft ist wie ein Virus. Wenn man damit „befallen“ ist, lässt es einen nicht mehr los. Es ist schwer zu erklären, ich denke, man muss es selbst erleben. Und das ist auch ein Problem der modernen Landwirtschaft, die Verbraucher (Nicht-
Landwirte) erleben es nicht mehr selbst oder haben Kindheitserinnerungen an eine Landwirtschaft von vor 30 Jahren, und diese ist das Idealbild. 

Worauf muss man sich in diesem Beruf einstellen? Was sind die Herausforderungen, vor allem wenn man auch noch Familie hat?

MZ: 16-Stunden-Tage, kein Wochenende und nur einmal im Jahr Urlaub (der ist uns aber heilig!). Feiertage gibt es keine, bei der Entlohnung gibt es Luft nach oben. Aber man weiß, warum man das tut, es ist nicht einfach ein Job, es ist ein Lebensentwurf. Ganz ehrlich: Gerade mit kleinen Kindern ist es nicht immer einfach, da wir nicht auf einem klassischen Mehrgenerationenhof leben, sondern während Arbeitsspitzen Kinder und Hof unter einen Hut kriegen müssen, ohne Oma oder Opa am Hof, die mal einspringen. Aber es gibt für alles eine Lösung. So haben wir einen tollen Freundeskreis, der einspringt, und seit letztem Jahr ein Au-Pair, was uns unter die Arme greift. Eigentlich ist es aber auch einfach schön, die Kids bei allem, was wir tun dabeizuhaben. Sie lieben das und kennen das nicht anders, und es gibt definitiv schlechtere Arten aufzuwachsen. 

LK: Landwirtschaft bedeutet viel Arbeit und wenig Freizeit, dafür kann man aber mit der Familie intensiver zusammen sein. Für Kinder ist es nicht nur wichtig, „Freizeit“ miteinander zu verbringen, sondern einfach nur Zeit miteinander, das kann man auf einem Hof auch während der Arbeit vereinen. 

In der Landwirtschaft ist fast kein Tag voll planbar, da wir sehr stark von der Wetterlage abhängig sind. Die finanziellen Einbrüche bei Unwetter und die Auswirkungen durch Ernteverluste sind enorm und müssen verkraftet werden. Die politische Entwicklung, auch die Preispolitik bei Lebensmitteln, ist nicht immer positiv für einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb, hiermit haben wir sehr stark zu kämpfen und wir müssen eigene Wege einschlagen. Wenn man jedoch optimistisch denkt und immer wieder aufsteht, lassen sich viele solche Geschehnisse gemeinsam in der Familie überstehen.

Die wenige Freizeit sollte man versuchen gemeinsam zu genießen. Mein Motto ist jedoch eher: Genieße den Moment, das heißt, genieße die Sonne, wenn du über den Hof läufst, und atme tief ein oder halte kurz an, wenn dir deine Kinder was erzählen möchten, und höre zu. Das gilt natürlich nicht nur für die Kinder, sondern auch für den Partner oder für den Rest der Familie. 

Kommunikation ist das Wichtigste, wenn man mit mehreren Generationen täglich zusammen lebt und arbeitet, und vor allem darf man auch die „Work Life Balance“ nicht außer Acht lassen.

Welche Rolle spielen Digitalisierung und Weiterbildung in Ihrem Leben? Wie bringt man Landwirtschaft und die Technik von heute unter einen Hut? 

LK: Digitalisierung und Weiterbildung sind sehr wichtig: „Stillstand ist Rückgang.“ 

Natürlich muss nicht jeder digitale Trend verfolgt werden, aber vieles vereinfacht die Arbeit. Die Möglichkeit, über Social Media eine Transparenz zu schaffen, ist für unser Image in der Landwirtschaft sehr wichtig. Vorteile bringt hier auch das Zusammenleben mehrerer Generationen, hier können die Erfahrung und das Wissen der älteren Generation und das Know-how in der Digitalisierung der jüngeren Generation den Betrieb und die Persönlichkeit weiterentwickeln.

MZ: Weiterbildung ist uns enorm wichtig. Nur weil mein Mann und ich schon in unserer Jugend durch die Landjugend einen Blick über den Tellerrand gewagt haben, haben wir so viel mitgenommen, dass wir uns die Existenzgründung in der Landwirtschaft überhaupt zugetraut haben. Ich bin ein regelrechter Fortbildungs-Junkie, mein Mann muss mich da eher bremsen. Der Austausch mit Berufskollegen und schauen, wie es andere machen, ist unbezahlbar! Wer die Entwicklung der Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren anschaut, der versteht, Landwirte bleiben nicht stehen, sie haben sich in einem wahnsinnigen Tempo weiterentwickelt. Gerade auch im Hinblick auf Technik. Ob im Büro oder auf dem Acker – ein Leben ohne modernste Technik ist nicht mehr vorstellbar.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Landwirtschaft?

MZ: Dass wir wieder auf Augenhöhe behandelt werden. Dass man mit uns statt über uns redet. Gemeinsam Lösungen für Probleme zu suchen, liegt mir mehr, als sinnlos zu streiten. Landwirtschaft ist nicht nur der tollste Beruf der Welt, sie ist auch der notwendigste von allen. Ich würde mir wünschen, dass dies den Menschen wieder präsenter wird!

LK: Anerkennung in der Bevölkerung und Wertschätzung für die Lebensmittel und deren Erzeugung. Eine bessere soziale Absicherung für die Rente ohne Belastung der übernehmenden Generation. Eine bessere „Work Life Balance“ von Landwirten.

Sie möchten mehr über die Landwirtinnen erfahren?

Linda Kelly – Blog: www.biolandhof-kelly.de – Instagram: @biolandhofkelly

Magdalena Zelder – Blog: www.berlingerhof.de – Instagram: @magdalenazelder

Nächster Artikel
Home » Technik und Wirtschaft » Future of Farming and Food » Frauenpower in der Landwirtschaft
Future of Farming and Food

Landwirtschaft 4.0

Die Digitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse gewinnt weltweit rasch an Bedeutung. Grund ist das große Anwendungspotenzial digitaler Technologien in der Landwirtschaft – vor allem intelligente Roboter-, Sensor- und Satellitentechnik.

In modernen Landmaschinen ist heute in der Regel mehr Hightech als in einem modernen Auto. Damit sind viele Vorteile verbunden. Beispiel Düngung: Weil nur das gedüngt wird, was Sensoren anhand der Blattfärbung und/oder smarter Bodenkarten an pflanzen- und standortspezifischem Bedarf ermitteln, kann der Landwirt Kosten einsparen.

Viele smarte Maschinen, die miteinander kommunizieren, können dem Landwirt viel Zeit, Geld und Nerven ersparen

Natürliche Auswaschungen von Nährstoffen ins Grundwasser können gemindert werden. Da der Traktor mit dem Düngestreuer durch GPS-Empfänger gesteuert wird, lassen sich die Nährstoffe präzise und ohne Überlappung auf oder in den Boden bringen – auch das bringt wirtschaftlichen Nutzen und schont die Umwelt.

Ähnliche Entwicklungen gibt es in der Tierhaltung. Komplett automatisierte Systeme wie intelligente Melkroboter und sensorgestützte Fütterungsautomaten sind bereits weitverbreitet. Auch tierspezifische Daten wie zum Beispiel zu Bewegung, Fress- und Tieraktivität oder Vokalisation können mittlerweile mit einer Vielzahl von Sensoren erfasst werden, um die Gesundheit und das Wohl der Tiere fest im Blick zu haben.

Bei einem Melkroboter zum Beispiel wird das Melkgeschirr ohne jegliche manuelle Hilfe mit Erkennungssystemen auf Basis von Ultraschall, Laser und optischen Sensoren an das Euter der Kuh angesetzt. Hauptvorteile von Melkrobotern gegenüber konventioneller Melktechnik sind weniger körperliche Arbeit, große zeitliche Flexibilität, Einsparung von Melkzeit, umfangreiche Datenerfassung zur besseren Kontrolle der Tiergesundheit, verbesserter Komfort für Tier und Mensch und optimaler Herdenüberblick.

Diesen Vorteilen stehen allerdings relativ hohe Investitionskosten gegenüber. Dennoch entscheidet sich etwa ein Drittel aller Milchviehhalter, die heute neu in Melktechnik investieren, für die Anschaffung von Melkrobotern. Ein Melkroboter als voll automatisierter Melkstand schafft circa 60 Kühe. Melkroboter überzeugen vor allem auch ob der großen Zufriedenheit der Tiere beim selbstbestimmten Vorgang des Sich-melken-Lassens.

Viele smarte Maschinen, die miteinander kommunizieren, können dem Landwirt viel Zeit, Geld und Nerven ersparen, sind gut für die Umwelt, unterstützen eine tiergerechte Haltung und haben zudem das Potenzial, eine kritische öffentliche Diskussion über moderne Landwirtschaft versachlichen zu helfen. Denn dank Hightech ist es möglich, ganz genau zu wissen, was jede einzelne Pflanze braucht und was ein Tier nötig hat, um sich wohlzufühlen.

Dabei ist Landwirtschaft 4.0 nicht nur etwas für größere Betriebe. Über Maschinenringe und Lohnunternehmen sind grundsätzlich alle Betriebe in der Lage, Nutzen aus der neuen Technikentwicklung zu ziehen. Hightech auf dem Acker und im Stall setzt allerdings häufig schnelles Internet voraus, und da gibt es auf dem Land noch erhebliche Defizite. Der besonders in den ländlichen Gebieten stockende Glasfaserausbau ist ein großer Hemmschuh.

Nächster Artikel