Future of Farming and Food

Bio für Anfänger

Fotos: First Last

Georg Maier und Ulrich Mayerle stellen ihre Höfe von konventionell biologisch um – eine große Veränderung.

Mit einem Tunnel hätten meine Mädels kein Problem“, glaubt Georg Maier. Der junge Betriebsleiter aus Truchtlaching im Chiemgau sieht einem vorbeirasenden Auto hinterher. Eine Straße grenzt an den Stall, eine andere durchschneidet das Grünland des 27-Jährigen. Mit seinen „Mädels“ meint Maier seine 45 Milchkühe plus Nachzucht. Der Milchviehhalter befindet sich mitten in der Umstellungsphase von konventionell auf bio. Um seinen Tieren Weidegang nach Naturland-Richtlinien bieten zu können, erwägt er unter anderem, die eigene Straße zu untertunneln und die Kühe so zum Grünland zu bringen.

Alle Vor- und Nachteile abgewogen 

„Wenn ich etwas anpacke, dann will ich es richtig machen!“ Das gilt auch für den Umbau des Stalls. Bald soll ein Laufhof für die Kühe fertig sein. Die Betriebszweige Milchviehhaltung und Ackerbau stellt er zu getrennten Zeiten um, die Ackerflächen seit 1. Juni 2018, die Tierhaltung seit dem 1. Januar 2019. Ab 1. Januar 2020 liefert der Betrieb Biomilch, ab 2021 unter anderem Biogetreide in Lebensmittelqualität für den Handel. Nach der Hofübernahme 2017 hatte der Landwirt zunächst überlegt, konventionell aufzustocken. Aus den 45 Milchkühen nebst Nachzucht sollten einmal 120 werden. Den Stallumbau hatte das Amt sogar schon genehmigt. Doch nach Überschlagung der Kosten stand sein Entschluss fest: Statt den Bestand zu verdoppeln, wird er auf bio umstellen. Auch seine Eltern unterstützen ihn trotz anfänglicher Skepsis. Eine Aufstockung des konventionellen Betriebs hätte ihn ungefähr 800.000 Euro gekostet. Hinzu kommen die steigenden Pachtpreise für zusätzliche Flächen. Die Umstellung auf bio kostet den Landwirt inklusive Weide und Stallanbau 25.000 Euro. Georg Maier möchte seinen Betrieb aber nicht vergrößern, sondern in fortschrittliche Technik investieren. Der Side-by-Side-Melkstand soll einem Melkroboter weichen. Davon erhofft sich der Unternehmer flexiblere Arbeitszeiten, und die betriebseigene Fotovoltaikanlage wird optimal ausgelastet. Derzeit reicht der Strom im Speicher nicht ganz für die Arbeitsspitzen der zwei Melkungen pro Tag aus. Mit einem Roboter wäre der Strombedarf gleichmäßig verteilt und der Betrieb könnte komplett stromautark wirtschaften. Zusammen mit dem Auslauf zur Weide stellt der neue Roboter den Betriebsleiter vor viele Herausforderungen: Die Herde muss eventuell über ganz neue Wege zum Roboter und zur Weide geführt werden. Maier hat dazu schon einige Pläne im Kopf. Wie er sie letztlich umsetzt, werden die kommenden Wochen zeigen. Am Ende hat er vielleicht sogar einen Tunnel.

Der Schritt zu bio war leicht

Die Umstellung hat Georg Maier nicht einmal genau durchkalkuliert. „Ein grober Überschlag der Kosten hat mir gereicht. Das Risiko habe ich mit einkalkuliert und wir können es abfedern.“ Der Schritt zu bio war für den Betrieb kein wirklich großer. Anstelle von Antibiotika und Hormonbehandlungen zur Brunstkontrolle seiner Kühe setzt der Jungunternehmer schon seit mehreren Jahren pflanzliche Arzneimittel und Globuli ein. „Anfangs war ich sehr skeptisch: Kann das wirken? Aber es funktioniert in der Tat! Wenn eine Kuh einfach nicht brünstig wird, sprühe ich ihr das Mittel auf die Schleimhäute. Einige Tage später tritt meist die Brunst ein.“

Im Ackerbau sieht das etwas anders aus. Der Grünlandumbruch ist derzeit für Ökobetriebe noch ohne besondere Auflagen möglich. Auf den Ackerflächen wird er voraussichtlich Biomais und eine Mischung aus Getreide und Erbsen anbauen. Um sein restliches konventionelles Getreide unterzubringen, ging er eine Futter-Mist-Kooperation mit einem Öko-Legehennenbetrieb ein. Da der Landwirt keine konventionelle Gülle von Berufskollegen mehr als Dünger verwenden darf, hat er jetzt bedeutend weniger Stickstoff für seine Flächen zur Verfügung. Dazu möchte er vor allem an seiner Fruchtfolge tüfteln. Sein Ziel ist es, möglichst viel Grund- und Kraftfutter für seine Kühe selbst zu erzeugen. 

Mut zur Veränderung

„Gerade im Ökolandbau macht gute Technik viel aus“, sagt der Betriebsleiter Ulrich Mayerle aus Schwaben. Auf seinem Feld mit Ackerbohnen angekommen, zeigt der Landwirt, was er damit meint: Die Kultur steht wie mit einem Lineal gezogen. Zu Hilfe kommt dem Ackerbauern hierbei ein Real-Time-Kinematic-System (RTK) an seinem Schlepper. „Wenn das GPS-Signal ausreicht, kann man auf dem Schlepper seine E-Mails checken“, witzelt er. Beim Säen und bei der Unkrautbearbeitung ist Genauigkeit ein Muss. Den ehemaligen Bullenstall wird er zu einer Maschinenhalle umfunktionieren, so der Plan. Bei seinem Getreidelager wird er in eine Siebreinigung investieren. „Fremdlagerung ist auf Dauer zu teuer und das Getreide wird eventuell mit konventioneller Ware vermischt. Dieses Risiko möchte ich aus-schließen“, sagt er. Auch über die Düngung seiner Kulturen muss er sich noch Gedanken machen. Derzeit bezieht er viel Kompost aus dem Forstbetrieb der eigenen GbR. Düngekooperationen mit den umliegenden Biogasbetrieben sind bisher nicht zustande gekommen.

Der Landwirt hat vieles an seiner Betriebsorganisation geändert. Ob Georg Maier wirklich einen Tunnel für seine Kühe bauen wird, ist noch nicht sicher. Es ist  jedenfalls eine der Möglichkeiten, die er hat, um seine Tiere zur Weide zu führen. Um die großen betrieblichen Veränderungen zu meistern, verlässt er sich auf sein Gefühl und ist bereit, neue Wege zu gehen. Maier ist zuversichtlich: Die biologische Landwirtschaft hat Zukunft.

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Landwirtschaft 4.0

Die Digitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse gewinnt weltweit rasch an Bedeutung. Grund ist das große Anwendungspotenzial digitaler Technologien in der Landwirtschaft – vor allem intelligente Roboter-, Sensor- und Satellitentechnik.

In modernen Landmaschinen ist heute in der Regel mehr Hightech als in einem modernen Auto. Damit sind viele Vorteile verbunden. Beispiel Düngung: Weil nur das gedüngt wird, was Sensoren anhand der Blattfärbung und/oder smarter Bodenkarten an pflanzen- und standortspezifischem Bedarf ermitteln, kann der Landwirt Kosten einsparen.

Viele smarte Maschinen, die miteinander kommunizieren, können dem Landwirt viel Zeit, Geld und Nerven ersparen

Natürliche Auswaschungen von Nährstoffen ins Grundwasser können gemindert werden. Da der Traktor mit dem Düngestreuer durch GPS-Empfänger gesteuert wird, lassen sich die Nährstoffe präzise und ohne Überlappung auf oder in den Boden bringen – auch das bringt wirtschaftlichen Nutzen und schont die Umwelt.

Ähnliche Entwicklungen gibt es in der Tierhaltung. Komplett automatisierte Systeme wie intelligente Melkroboter und sensorgestützte Fütterungsautomaten sind bereits weitverbreitet. Auch tierspezifische Daten wie zum Beispiel zu Bewegung, Fress- und Tieraktivität oder Vokalisation können mittlerweile mit einer Vielzahl von Sensoren erfasst werden, um die Gesundheit und das Wohl der Tiere fest im Blick zu haben.

Bei einem Melkroboter zum Beispiel wird das Melkgeschirr ohne jegliche manuelle Hilfe mit Erkennungssystemen auf Basis von Ultraschall, Laser und optischen Sensoren an das Euter der Kuh angesetzt. Hauptvorteile von Melkrobotern gegenüber konventioneller Melktechnik sind weniger körperliche Arbeit, große zeitliche Flexibilität, Einsparung von Melkzeit, umfangreiche Datenerfassung zur besseren Kontrolle der Tiergesundheit, verbesserter Komfort für Tier und Mensch und optimaler Herdenüberblick.

Diesen Vorteilen stehen allerdings relativ hohe Investitionskosten gegenüber. Dennoch entscheidet sich etwa ein Drittel aller Milchviehhalter, die heute neu in Melktechnik investieren, für die Anschaffung von Melkrobotern. Ein Melkroboter als voll automatisierter Melkstand schafft circa 60 Kühe. Melkroboter überzeugen vor allem auch ob der großen Zufriedenheit der Tiere beim selbstbestimmten Vorgang des Sich-melken-Lassens.

Viele smarte Maschinen, die miteinander kommunizieren, können dem Landwirt viel Zeit, Geld und Nerven ersparen, sind gut für die Umwelt, unterstützen eine tiergerechte Haltung und haben zudem das Potenzial, eine kritische öffentliche Diskussion über moderne Landwirtschaft versachlichen zu helfen. Denn dank Hightech ist es möglich, ganz genau zu wissen, was jede einzelne Pflanze braucht und was ein Tier nötig hat, um sich wohlzufühlen.

Dabei ist Landwirtschaft 4.0 nicht nur etwas für größere Betriebe. Über Maschinenringe und Lohnunternehmen sind grundsätzlich alle Betriebe in der Lage, Nutzen aus der neuen Technikentwicklung zu ziehen. Hightech auf dem Acker und im Stall setzt allerdings häufig schnelles Internet voraus, und da gibt es auf dem Land noch erhebliche Defizite. Der besonders in den ländlichen Gebieten stockende Glasfaserausbau ist ein großer Hemmschuh.

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