Drohnen verändern das Gefechtsfeld, doch klassische Panzerabwehrwaffen bleiben eine zentrale Bedrohung. Im Interview erläutert Dan Kalfus, Managing Director von EuroTrophy, warum moderner Fahrzeugschutz flexibler werden muss und welche Rolle Versorgungssicherheit, gemeinsame Standards und der Dialog zwischen Industrie und Streitkräften spielen.

Dan Kalfus
Managing Director von EuroTrophy
Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie stark Drohnen das Gefechtsfeld verändert haben. Gleichzeitig bleiben Panzerabwehrraketen (ATRs) und Panzerabwehrlenkflugkörper (ATGMs) relevant. Was bedeutet dieser Bedrohungsmix für den Schutz gepanzerter Fahrzeuge?
Drohnen haben die Art verändert, wie Streitkräfte kämpfen und sich vorbereiten. Eine besondere Herausforderung ist die Kostenrelation; günstige Drohnen mit teuren Systemen abzuwehren, ist auf Dauer kaum wirtschaftlich.
Deshalb müssen wir stärker unterscheiden: Was muss tatsächlich bekämpft werden, wie früh muss eine Bedrohung erkannt werden und welcher Abwehrmechanismus ist dafür angemessen? Sensoren zur Erkennung von Bedrohungen und die eigentlichen Abwehrsysteme sollten dabei nicht als starre Einheit gedacht werden. Die Industrie muss Systeme flexibler entwickeln, damit sie sich an neue Bedrohungen und veränderte Taktiken anpassen lassen.
Welche Rolle können aktive Schutzsysteme bei der Drohnenabwehr spielen? Erleben wir einen Wandel weg von der klassischen Panzerung?
Aktive Schutzsysteme waren schon vor dem massenhaften Einsatz von Drohnen relevant. Ihr Grundgedanke ist, ein Fahrzeug möglichst rundum zu schützen und eine Bedrohung abzuwehren, bevor sie die Panzerung durchdringt. Drohnen erweitern dieses Spektrum. Gleichzeitig geht es nicht darum, klassische Panzerung einfach zu ersetzen.
Entscheidend ist vielmehr, verschiedene Schutzebenen sinnvoll zu kombinieren. Je vielfältiger die Bedrohungen werden, desto wichtiger wird es, Sensoren und Effektoren optimal auf die jeweilige Situation abzustimmen.
Der Ukraine-Krieg hat auch die Verwundbarkeit globaler Lieferketten offengelegt. Was bedeutet „Security of Supply“ für die europäische Verteidigung konkret?
Im Konflikt zeigt sich, dass Einsatzbereitschaft nicht allein vom Produkt abhängt. Produktion und Lieferketten müssen resilient sein, Ersatzteile verfügbar bleiben und Systeme im Feld gewartet werden können. Für Europa bedeutet das aus meiner Sicht, wesentliche Fertigungs- und Supportfähigkeiten dort aufzubauen, wo die Streitkräfte auf sie verlässlich zugreifen können.
DIE INDUSTRIE MUSS SYSTEME FLEXIBLER ENTWICKELN, DAMIT SIE SICH AN NEUE BEDROHUNGEN UND VERÄNDERTE TAKTIKEN ANPASSEN LASSEN.
Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Nutzern: Wenn mehrere Nationen ähnliche Systeme betreiben, können gemeinsame Ersatzteilbestände, Werkzeuge, Ausbildung oder Servicekonzepte Versorgung und Wartung erheblich vereinfachen.
Europa muss höhere Verteidigungsausgaben nun in militärische Fähigkeiten umsetzen, die in ausreichender Stückzahl verfügbar sind. Wie lassen sich Skalierung, termingerechte Lieferung und gemeinsame NATO-Standards zusammenbringen?
Der wichtigste Punkt ist Dialog – zwischen Industrie und Beschaffern, aber auch zwischen den Nutzerstaaten selbst. Nationale Anforderungen sind verständlich, doch jede zusätzliche Sonderkonfiguration erhöht langfristig Aufwand, Kosten und Risiken in Produktion, Logistik und Wartung.
Wir sollten deshalb früher darüber sprechen, wo gemeinsame Anforderungen und Konfigurationen möglich sind. Dafür braucht es feste Plattformen und Arbeitsgruppen, in denen Industrie und Nutzer gemeinsam technische, logistische und operative Fragen bearbeiten.
Standardisierung heißt nicht, dass jeder exakt dasselbe bekommen muss. Aber manchmal ist eine gemeinsame, ausreichend gute Lösung wertvoller als viele jeweils optimierte Einzellösungen.
Was wird den Schutz gepanzerter Fahrzeuge künftig grundlegend verändern? Welche Technologien oder Bedrohungen werden heute noch unterschätzt?
Drohnen werden uns weiter beschäftigen, aber ich würde nicht davon ausgehen, dass die Entwicklung nur in eine Richtung geht.
Sobald Abwehrtechnologien wirksamer werden, kann sich der Schwerpunkt wieder zu anderen Bedrohungen verschieben, etwa größeren Flugkörpern. Niemand hat das heutige Ausmaß des Drohneneinsatzes exakt vorhergesehen – und genauso wenig kennen wir die nächste Entwicklung.
Deshalb müssen Schutzsysteme modularer und ihre Schnittstellen möglichst offen sein. Wir sollten Sensoren und Effektoren unterschiedlicher Anbieter integrieren können, wenn diese für eine neue Bedrohung die bessere Lösung bieten. Der entscheidende Faktor wird die Fähigkeit sein, sich kontinuierlich an neue Bedrohungen anzupassen.
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