Solarenergie ist die günstigste und populärste Art der Stromerzeugung. Dennoch plant das Wirtschaftsministerium, den Zubau neuer Solardächer zu bremsen. Die Pläne gehen zu Lasten der Versorgungssicherheit. Sie führen zu zukünftig steigenden Strompreisen und gefährden zehntausende Arbeitsplätze in der Solar- und Speicherbranche.

Carsten Körnig
Carsten Körnig ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e. V. Der Verband vertritt die Interessen von über 1.000 Unternehmen der Solar- und Speicherbranche in Deutschland.
Die durch aktuelle geopolitische Krisen ausgelöste Explosion der Energiepreise öffnet vielen Menschen die Augen. Das Bedürfnis wächst, sich bei der Energieversorgung unabhängiger zu machen und die Abhängigkeit von teuren Gas- und Ölimporten zu reduzieren.
An einer Nutzung heimischer Erneuerbarer Energien führt längst kein Weg vorbei. Photovoltaik ist bereits heute eine tragende Säule der heimischen Stromversorgung. Landauf, landab produzieren mehr als fünf Millionen Solaranlagen sauberen und kostengünstigen Strom – und werden bald ein Fünftel unseres Strombedarfs decken. Mit beinahe 120 Gigawatt an installierter Leistung wurde inzwischen gut die Hälfte auf dem Weg zum für 2030 gesetzlich verankerten Photovoltaik-Ausbauziel erreicht. Die Erreichung des nächstesn Etappenziels ist jedoch kein Selbstläufer, sondern stark von politischen Weichenstellungen abhängig.
Solaranteil im Strommix wirkt stark preisdämpfend
Da Solaranlagen kaum Betriebskosten haben, verdrängen sie auf dem Strommarkt die teuren Gaskraftwerke und senken so die Börsenstrompreise nachhaltig. Insgesamt summieren sich die solaren Einsparungen für Haushalte, Gewerbe und Industrie dadurch bereits heute auf rund sechs Milliarden Euro pro Jahr.
Und auch in den nächsten Jahren werden Solaranlagen die Strompreise für die Wirtschaft und Allgemeinheit weiter drücken. Einer Enervis-Studie zufolge wird der Großhandelspreis für Strom allein durch den geplanten Photovoltaikausbau bis zum Jahr 2030 bereits um 21 Prozent niedriger liegen als ohne Solarstrom. Für Privathaushalte resultiert daraus eine jährliche Ersparnis von über 70 Euro im Jahr 2030. Ein Industriebetrieb mit einem Verbrauch von 10 Gigawattstunden wird um rund 180.000 Euro im Jahr entlastet.
Hinzu kommt die Vermeidung steigender Klimafolgekosten sowie Umwelt- und Gesundheitsschäden in Milliardenhöhe. Solarstrom und Batteriespeicher machen die deutsche Stromversorgung nicht nur günstiger und sicherer, sondern unabhängiger von Energieimporten.
Diese belasten unsere Wirtschaft derzeit jährlich mit rund 80 Milliarden Euro.

Wirtschaftsministerium plant Ausbaubremse für Bürger-Solaranlagen
Photovoltaik ist nicht nur die günstigste, sondern auch in der Bevölkerung die mit Abstand beliebteste Form der Stromerzeugung. Vier von fünf Bürgern wünschen sich, dass das Tempo der solaren Energiewende beibehalten oder sogar erhöht wird. Bei Unionswählern liegt die Zustimmung sogar bei 86 Prozent.
Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Bundeswirtschaftsministerin den Ausbau der Bürger-Energie Nr. 1 nun deutlich bremsen will.
Aus einem kürzlich geleakten Gesetzesentwurf geht hervor, dass die Einspeisevergütung für private Solarstromanlagen, die ab 2027 neu in Betrieb genommen werden, komplett gestrichen werden soll. Das Bundeswirtschaftsministerium führt als Begründung an, dass kleine Photovoltaikanlagen auch ohne Förderung wirtschaftlich seien. Dabei ist die EEG-Einspeisevergütung nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme für die Mehrzahl neuer Solaranlagenbetreiber noch zwingend notwendig, um eine hinreichende Rentabilität sicherzustellen. Repräsentativumfragen ergaben, dass nur jeder dritte Hausbesitzer auch ohne EEG-Förderung ein Photovoltaik-Dachanlage kaufen würde.
Weitere Einschnitte für Solarstromanlagen
Ähnlich schädlich sind die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums, dass Betreiber neuer Photovoltaik-Kleinanlagen den in das öffentliche Stromnetz eingespeisten Solarstrom künftig direkt an der Strombörse vermarkten müssen. Das Hauptproblem an diesem Plan: Derzeit beherrschen die Netzbetreiber die notwendigen massengeschäftstauglichen Marktkommunikationsprozesse noch nicht, die für eine Direktvermarktung von kleinen Anlagen notwendig wären. Auch fehlt es weiterhin nahezu flächendeckend am notwendigen Einbau von intelligenten Messsystemen. Eine Verpflichtung zur Direktvermarktung für ab 2027 neu in Betrieb genommene Solardächer würde daher den sinnvollen Betrieb kleiner Photovoltaikanlagen unmöglich machen.
Die geplanten Einschnitte treffen auf eine in den letzten zwei Jahren stark rückläufige PV-Nachfrage im Heimsegment. Wurden 2023 noch Photovoltaik-Dächer mit einer Leistung von rund acht Gigawatt neu installiert, so waren es 2025 nur noch rund fünf Gigawatt. Sollten die vom Bundeswirtschaftsministerium geplanten Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, dürfte die Bürger-Energiewende weitgehend zum Erliegen kommen.
Der zu erwartende Markteinbruch hätte auch drastische Folgen für den Arbeitsmarkt. Nach Branchenschätzungen würden viele mittelständische Handwerksunternehmen und zehntausende Beschäftigte der Solarbranche den Rücken kehren.
Dies wäre ein weiterer Konjunkturdämpfer für die deutsche Wirtschaft und ein herber Verlust für die Solar- und Speicherbranche.
Resilienz steigern und Energiewende erfolgreich gestalten
Um die politisch gesetzten Klima- und Energieziele zu erreichen, Resilienz und Versorgungssicherheit zu verbessern und dauerhaft die Versorgung mit günstigem und sauberem Strom zu gewährleisten, müssen Gesetzgeber das Ausbautempo der Solar- und Speichertechnik in den nächsten Jahren nicht bremsen, sondern weiter steigern. Dafür bedarf es verlässlicher Rahmenbedingungen.
Statt im politischen Berlin für Verunsicherung durch Diskussionen über eine Kürzung oder Streichung der EEG-Förderung zu sorgen, sollte der Gesetzgeber weitere Marktbarrieren für eine noch systemdienlichere Integration von Photovoltaikanlagen ins Stromnetz abbauen.
Potenziale von Speichern heben – Netzausbau vermeiden
Es ist nachvollziehbar, dass im Falle temporärer Netzüberlastungen die Einspeisung von Solarstrom ins Stromnetz vorübergehend unterbunden wird. Vollkommen unverständlich ist es aber, dass es in diesen Zeiten in der Regel auch nicht möglich ist, den selbst erzeugten Solarstrom vor Ort/eigenständig zu nutzen oder zu speichern.
Innovative Konzepte ermöglichen es, bestehende Stromnetze effektiver zu nutzen, zum Beispiel indem mehrere Energie- und Speichertechnologien hinter dem gleichen Netzverknüpfungspunkt installiert werden („Überbauung“).
Für die nächste Phase der Energiewende ist ein Hochlauf der inzwischen deutlich günstigeren Speicherkapazitäten von derzeit rund 25 GWh auf 100 GWh im Jahr 2030 erforderlich. Mithilfe von stationären und mobilen Batteriespeichern und einer beschleunigten Digitalisierung der Stromnetze können Stromerzeugung und Stromverbrauch in Einklang gebracht werden. Stromspitzen lassen sich kappen und Kosten für den Ausbau teurer Netze und Gaskraftwerke einsparen.




