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Power für die Industrie: Wie Wasserstoff Dekarbonisierung und Wirtschaft vorantreibt

Foto: Shutterstock, 1979046479

Dr. Bernd Pitschak, Vorstandsvorsitzender des Deutscher Wasserstoffverbandes (DWV) e. V., erklärt, warum Wasserstoff nicht nur Klimaschutz, sondern auch Wirtschaftsmotor sein kann. Vom Schwerlastverkehr über Hochtemperaturprozesse bis hin zu Power-to-X-Technologien: Für Unternehmen eröffnen sich neue Chancen, CO₂-intensive Prozesse umzubauen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig zeigt er, welche Infrastruktur- und Politikmaßnahmen nötig sind, damit Deutschland seine Wasserstoff-Potenziale voll ausschöpft.

Dr. Bernd Pitschak

Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoffverbandes (DWV) e. V.

Welche Rolle spielt Wasserstoff bei der industriellen Dekarbonisierung und welche Chancen ergeben sich für Unternehmen?

Wasserstoff spielt in der industriellen Dekarbonisierung eine zentrale Rolle. Denn überall dort, wo man nicht mehr mit der reinen Elektrifizierung arbeiten kann, weil man Stromnetzbegrenzungen hat oder die Prozesse sich nicht elektrisch umstellen lassen, kann Wasserstoff zum Einsatz kommen. Das treibt die Dekarbonisierung voran. Das betrifft zum Beispiel Hochtemperaturprozesse oder den Einsatz von Wasserstoff in der Stahl- oder Zementindustrie. Für Unternehmen eröffnet sich dadurch also die Chance, CO2-intensive Prozesse strukturell umzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Das Gute ist, dass die Technologien, die wir für die Nutzung von Wasserstoff brauchen, bereits erprobt und verfügbar sind. Die Industrie kann Wasserstoff also bereits heute einsetzen und die Dekarbonisierung vorantreiben.

Wie tragen Power-to-X-Technologien zur Sektorenkopplung bei und welche Anwendungen sind aktuell relevant?

Power-to-X bezeichnet die Verbindung des Stromsektors mit dem Gassektor, also die Umwandlung von elektrischer Energie in molekulare Energieträger. Das passiert, indem eine Elektrolyseanlage an das Stromnetz angeschlossen wird, die Wasser mithilfe elektrischer Energie in Wasserstoff und Sauerstoff spaltet. Der Strom, der in die Elektrolyse eingespeist wird, wird also in Wasserstoff überführt. Mit dem Wasserstoff haben wir dann wieder ein Gas vorliegen, das transportiert und gespeichert werden kann. So kann man Wasserstoff auch saisonal verschiebbar machen, was beim Strom nur sehr schwer möglich ist. Damit steht dieses Gas dem ganzen Industriesektor zur Verfügung, sei es in der Rückverstromung, in der Prozesswärmegewinnung oder in der direkten Anwendung z. B. als Antrieb in einer Brennstoffzelle im Schwerlastverkehr.

Der große Vorteil dieses Systems ist, dass in verbrauchsschwachen Zeiten Energie sinnvoll genutzt und gespeichert werden kann und zu dem Zeitpunkt wieder verfügbar gemacht werden kann, wenn sie benötigt wird. Wasserstoff ist eine sehr sinnvolle Ergänzung zu elektrischen Speichern oder Batteriespeichern. Jede Technologie bringt also Vorteile mit, die im Sinne der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung optimal ausgenutzt werden müssen. Beim Wasserstoff sind die Langzeitspeicherung und die hohe Energiedichte hervorzuheben.

Gerade für Anwendungen, die lange Laufzeiten benötigen oder schwere Lasten bewegen, ist Wasserstoff eine sinnvolle Ergänzung.

Welche Herausforderungen bestehen beim Aufbau von Wasserstoffinfrastruktur – Transport, Speicherung, Pipelines?

Die Infrastruktur muss der Anwendung natürlich immer vorangehen. Mit dem Wasserstoffkernnetz haben wir einen klaren regulatorisch abgesicherten Industriepfad, um diese Infrastruktur aufzubauen. Aber wir brauchen parallel dazu auch entsprechende Wasserstoffabnahmeverträge. Infrastruktur und Abnahme müssen also immer gemeinsam gedacht werden.

Wo liegen die größten wirtschaftlichen Herausforderungen für grünen Wasserstoff (Kosten, Effizienz, Skalierung)?

Das sind in erster Linie die Gestehungskosten. Einer der Haupteinflussfaktoren ist der Strompreis, der in Deutschland relativ hoch ist. Das macht es derzeit schwierig, Wasserstoff kostengünstig herzustellen. Daher werden wir uns diesem Thema noch intensiv widmen müssen. Der CO2-Preis wirkt dem zwar entgegen, aber schließt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht die Kostendifferenz z. B. zum Erdgas.

Welche politischen Rahmenbedingungen und Förderstrategien sind entscheidend für Wasserstoffprojekte?

  1. Wir brauchen schnellere und standardisierte Genehmigungen.
  2. Wir brauchen eine praxistaugliche Regulierung, insbesondere, wenn es um die Kriterien des Strombezuges geht.
  3. Wir brauchen verlässliche Nachfrageimpulse, denn ohne Nachfrage wird keine Infrastruktur gebaut. Diese Impulse müssen gesetzt werden.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Nationale Wasserstoff-Förderprogramm für den Schwerlastverkehr, das Anfang 2026 seitens des Verkehrsministeriums auf den Weg gebracht wurde. Hier werden gleichzeitig der Aufbau eines öffentlichen Wasserstoff-Tankstellennetzes sowie die Anschaffung von wasserstoffbetriebenen Lkw finanziell unterstützt. Die Infrastruktur, die aufgebaut wird, hat also direkt einen Abnehmer, und der Abnehmer hat die Sicherheit, dass er auch mit Wasserstoff versorgt wird.

So schafft man ein Ökosystem, das sich gegenseitig befruchtet, und das müssen wir auch im großen Maßstab umsetzen.

Hier muss man die Leitmärkte in die Diskussion bringen. Ein Ansatz wäre z. B., in der öffentlichen Beschaffung bei Bauprojekten den Einsatz von CO2-neutralem Stahl zu fördern und ähnlich gelagerte Ansätze zu verfolgen, um über die öffentliche Hand Nachfrage anzureizen. Das kann zu entsprechenden Marktimpulsen führen, die nicht nur dafür sorgen, dass die Technik in den Markt kommt, sondern ihre Anwendung auch skalierbar wird, was wiederum Kosten reduzieren kann.

Wie entwickelt sich der grenzüberschreitende Wasserstoffhandel – und welche Chancen ergeben sich für Deutschland/Europa?

Die Technologien, die wir brauchen, um Wasserstoff zu erzeugen, zu verteilen, zu speichern, wiederzuverwenden, beherrschen wir in Deutschland. Wir haben also eine Branche, die hochqualifizierte und moderne Arbeitsplätze bietet, die zukunftsgerichtet und zukunftssicher sind. Gleichzeitig haben wir mit der Wasserstofferzeugung eine Energieversorgungssicherheit geschaffen, was uns weniger abhängig von Importen macht und dabei hilft, uns resilienter aufzustellen. Es hilft unserer Industrie, wenn wir im heimischen Markt die Technologien zeigen und diese dann exportieren, da das die Wertschöpfung weiter vorantreibt. Natürlich werden wir nicht alles, was wir an Energie benötigen, selbst herstellen können: Wir sind ein Energieimportland, und darauf müssen wir uns auch zukünftig einstellen. Aber es wäre natürlich wünschenswert, wenn wir die Energie, die wir als Wasserstoff importieren, mit Technologien produziert wird, die in Deutschland oder Europa hergestellt werden.

Das ist eine große Chance für die deutsche und europäische Industrie, die wir auf jeden Fall nutzen sollten!

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