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Home » Future of Defence » DIE VERTEIDIGUNG BRAUCHT DIE TAKTUNG DER FABRIK
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Eric Voss

Geschäftsführer der DFNZ GmbH, einer Tochtergesellschaft
des Entwicklungsdienstleisters IAV

Wer heute über Europas Verteidigungsfähigkeit spricht, spricht meist über Technologie: über Drohnen, Künstliche Intelligenz, autonome Systeme. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Die entscheidende Schwäche unserer Verteidigungsindustrie liegt nicht darin, dass es an guten Ideen fehlte. Sie liegt darin, wie diese Ideen gefertigt werden.

Ein erheblicher Teil der Wehrtechnik entsteht bis heute in einer Art Manufaktur. Systeme werden in kleinen Losen gebaut, vielfach von Hand angepasst, über Zeiträume, die sich über Jahre erstrecken. In einer Welt, in der sich Bedrohungslagen binnen Wochen verändern, ist das ein strukturelles Problem. Wir haben in Europa kein Innovations-, sondern ein Skalierungsproblem. Der Engpass liegt nicht am Anfang der Wertschöpfung, beim Erfinden, sondern an ihrem Ende, beim industriellen Herstellen in relevanter Stückzahl.

Genau an dieser Stelle lohnt der Blick auf eine Branche, die man im Verteidigungskontext selten erwähnt: die Automobilindustrie. Sie hat über Jahrzehnte gelernt, hochkomplexe, sicherheitskritische Systeme nicht nur zu entwickeln, sondern sie millionenfach und in gleichbleibender Qualität zu produzieren. Lieferketten, Qualitätssicherung, Zulassungs- und Prüfprozesse, die Beherrschung von Software im Fahrzeug: All das ist Alltag, nicht Ausnahme. Diese Fähigkeit, Komplexität in Serie zu überführen, ist die eigentliche Kernkompetenz des deutschen Ingenieurwesens. Und sie ist es, die der Verteidigung heute am meisten fehlt.

Der Transfer ist dabei kein rhetorisches Bild, sondern konkretes Handwerk. Verfahren, die im Fahrzeugbau seit Langem etabliert sind, lassen sich auf wehrtechnische Systeme übertragen: die elektrische und elektronische Architektur, die ein modernes Auto steuert, wird zum Rückgrat eines unbemannten Fahrzeugs; die Erprobung unter extremen Bedingungen, etwa bei Kälte, Erschütterung oder elektromagnetischer Störung, folgt denselben Prinzipien; und die Logik softwaredefinierter Produkte, die neue Funktionen per Update erhalten, lässt sich auf militärische Plattformen anwenden. Wir erfinden das Rad nicht neu. Wir bringen eine bewährte industrielle Praxis in einen Sektor, der sie dringend benötigt.

Daraus ergibt sich eine Rolle, die im gegenwärtigen Gefüge der Verteidigungswirtschaft fehlt: die des Integrators. Auf der einen Seite stehen agile Technologieunternehmen, die schnell sind und neue Ideen liefern, aber selten in großer Zahl produzieren können. Auf der anderen Seite stehen etablierte Systemhäuser mit tiefem Fachwissen, deren Prozesse jedoch auf kleine Stückzahlen ausgelegt sind. Dazwischen klafft eine Lücke: Wer führt Innovation und industrielle Fertigung so zusammen, dass aus einem Prototyp verlässlich eine Serie wird?

WER HEUTE
ÜBER EUROPAS
VERTEIDIGUNGSFÄHIGKEIT
SPRICHT, SPRICHT
MEIST ÜBER
TECHNOLOGIE: ÜBER
DROHNEN, KÜNSTLICHE
INTELLIGENZ,
AUTONOME SYSTEME.

Diese Integratorrolle füllen wir aus. Sie bedeutet, ein System von der Konzeption bis zur Einsatzreife zu verantworten, die Schnittstellen zwischen Zulieferern zu beherrschen und für das Ergebnis geradezustehen, statt es im Streitfall weiterzureichen. Sie bedeutet auch, die noch manufakturgeprägte Produktion Schritt für Schritt in eine höher getaktete, quantitativ skalierbare Fertigung zu überführen. Der Maßstab verschiebt sich dann von einzelnen, sorgfältig gebauten Exemplaren hin zu Stückzahlen, die eine glaubwürdige Abschreckung überhaupt erst ermöglichen.

EUROPA WIRD
SEINE SICHERHEIT
NICHT ALLEIN
DURCH MEHR
FORSCHUNG ODER
HÖHERE BUDGETS
GEWINNEN.

Dass dieser Gedanke ausgerechnet jetzt Gestalt annimmt, ist kein Zufall. Die Automobilindustrie durchläuft den tiefsten Umbruch ihrer Geschichte. Wo viele nur die Krise sehen, sehe ich die größte industrielle Verschiebung seit Jahrzehnten: Kompetenz, Kapazität und Erfahrung, die frei werden und dorthin wandern können, wo Europa sie am dringendsten braucht. Diese Fähigkeiten in die Wehrhaftigkeit des Kontinents zu lenken, ist für mich weniger eine unternehmerische Gelegenheit als eine industrielle Verantwortung.

Bei allem Nachdruck auf Tempo und Stückzahl darf ein Maßstab nicht verloren gehen: der Soldat im Einsatz. Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht im Konferenzraum, sondern im Feld, dort, wo Menschen sich auf ihre Ausrüstung verlassen müssen. Nicht was auf dem Papier überzeugt, zählt, sondern was unter realen Bedingungen funktioniert. Geschwindigkeit ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass einsatzerprobte Technik rechtzeitig und in ausreichender Menge dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Europa wird seine Sicherheit nicht allein durch mehr Forschung oder höhere Budgets gewinnen. Es wird sie dann gewinnen, wenn es die Verteidigung als das begreift, was sie im Kern auch ist: eine industrielle Aufgabe. Wer die Skalierung beherrscht, verschafft sich den strategischen Vorteil. Die dafür nötige Kompetenz ist in Deutschland vorhanden. Wir müssen sie nur konsequent an die richtige Stelle bringen.

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