Steigende Systemkomplexität, kürzere Entwicklungszyklen und neue Anforderungen an technologische Souveränität verändern die Verteidigungsindustrie. Wie Engineering diesen Wandel unterstützt und welche Rolle Akkodis dabei spielt, erläutert Giles Guidicelli, CEO Akkodis Germany, im Interview.

Giles Guidicelli
CEO Akkodis Germany
Herr Guidicelli, geopolitische Veränderungen, neue Bedrohungsszenarien und ein rasanter technologischer Fortschritt verändern derzeit die Anforderungen an moderne Streitkräfte. Wie verändern sich dadurch aus Ihrer Sicht die Anforderungen an einen Entwicklungsdienstleister in der Verteidigungsindustrie?
Wir erleben einen grundlegenden Wandel. Verteidigungssysteme waren schon immer auf lange Lebenszyklen ausgelegt. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich Technologien, Bedrohungslagen und Einsatzszenarien verändern. Engineering muss deshalb schneller auf neue Anforderungen reagieren, den Endanwender konsequent im Blick behalten und Souveränität sowie Resilienz über den gesamten Einsatzzeitraum mitdenken. Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Zusammenarbeit innerhalb der Industrie.
Auf der ILA Berlin stand Ihr Defense-Auftritt unter dem Leitgedanken „Engineering Intelligence for Mission Ready Forces“. Was verbirgt sich hinter diesem Ansatz und warum trifft er den Kern dieser Entwicklung?
Engineering Intelligence bezeichnet die systematische Nutzung von Daten, Modellen, Simulationen, Künstlicher Intelligenz und Expertenwissen zur Unterstützung von Entwicklungs-, Integrations- und Lebenszyklusentscheidungen. Moderne Streitkräfte benötigen heute keine isolierten Technologien, sondern integrierte Lösungen über den gesamten Lebenszyklus – von der Entwicklung über den Betrieb bis zur Instandhaltung. Genau diesen Ansatz haben wir auf der ILA anhand konkreter Anwendungsbeispiele vorgestellt: von KI-gestützten Analysen über Predictive Maintenance und XR-gestützte Wartung bis hin zu resilienten Kommunikationslösungen. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Technologie, sondern ihr Zusammenspiel. Erst dadurch entstehen Systeme, die langfristig leistungsfähig und anpassungsfähig bleiben.

KI, Daten und Cloud-Technologien werden für moderne Verteidigungssysteme immer wichtiger. Wo entsteht konkreter Mehrwert und welche Bedeutung hat dabei technologische Souveränität?
KI entfaltet ihren größten Nutzen dort, wo sie Menschen unterstützt, bessere Entscheidungen zu treffen. Unsere KI-Lösungen analysieren beispielsweise Sensordaten, erkennen Auffälligkeiten und liefern Entscheidungsgrundlagen in Echtzeit. Gleichzeitig werden souveräne Daten- und Cloud-Strukturen zum strategischen Faktor: Wichtig ist, sensible Daten zu schützen, technologische Abhängigkeiten beherrschbar zu machen und auch in kritischen Szenarien handlungsfähig zu bleiben.
KI ENTFALTET IHREN GRÖSSTEN NUTZEN DORT, WO SIE MENSCHEN UNTERSTÜTZT, BESSERE ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN.
Viele Verteidigungssysteme bleiben über Jahrzehnte im Einsatz, während sich Technologien und Anforderungen immer schneller verändern. Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Betrieb und in der Instandhaltung?
Einsatzbereitschaft entscheidet sich lange vor einer Mission. Die Digitalisierung von Wartung und Instandhaltung ist ein wesentlicher Hebel, um die Einsatzbereitschaft komplexer Systeme langfristig sicherzustellen. Angesichts steigender Systemkomplexität, längerer Nutzungsdauer und hoher Verfügbarkeitsanforderungen reicht ein reaktiver Instandhaltungsansatz heute vielfach nicht mehr aus. Predictive Maintenance ist dabei ein etablierter Baustein. Ergänzend unterstützen unsere Mission Ready XR Maintenance-Anwendungen Techniker mit digitalen Arbeitsanweisungen, Simulationen und Remote Support direkt am System. Das reduziert Ausfallzeiten, beschleunigt Wartungsprozesse, senkt Betriebskosten und trägt gleichzeitig dazu bei, wertvolles Expertenwissen langfristig zu sichern.
Je stärker Systeme miteinander vernetzt sind, desto wichtiger werden sichere Kommunikation und ein zuverlässiger Informationsaustausch. Welche Fähigkeiten werden hier künftig entscheidend sein?
Je stärker Plattformen, Sensoren und Führungssysteme vernetzt sind, desto wichtiger wird ein sicherer, schneller und domänenübergreifender Informationsaustausch. Genau dafür braucht es resiliente Kommunikationsstrukturen – auch unter schwierigen Einsatzbedingungen.
Mit unserem Tactical Communication Node zeigen wir, wie solche Strukturen funktionieren können. Unser Load Master Control ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wir vernetzte Einsatzszenarien unterstützen – hier mit Blick auf logistische Abläufe. Denn am Ende ist Vernetzung kein Selbstzweck. Sie muss helfen, schneller zu entscheiden und Abläufe besser zu steuern.
Mit Ihrer neuen Rolle als CEO von Akkodis Germany übernehmen Sie Verantwortung in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Welche Vision verfolgen Sie für Akkodis im Aerospace & Defense-Umfeld und welchen Beitrag möchten Sie für die Zukunft moderner Streitkräfte leisten?
Die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie verändert sich grundlegend: Innovationszyklen werden kürzer, Systeme komplexer und die Anforderungen an Einsatzbereitschaft, Resilienz und technologische Souveränität steigen. Meine Vision ist, Akkodis als starken Engineering- und Digitalisierungspartner in diesem Umfeld weiter zu positionieren. Wir bringen Kompetenzen aus unterschiedlichen Industrien zusammen, übertragen neue Technologien in die Praxis und entwickeln mit unseren Kunden Lösungen, die im Einsatz funktionieren und langfristig tragfähig sind. Am Ende geht es darum, technologische Innovation mit operativer Wirksamkeit zu verbinden und damit moderne Streitkräfte bestmöglich auf die Anforderungen von morgen vorzubereiten.
STRATEGIE-AUSBLICK
DIE KUNST DER ÜBERSETZUNG IM EINSATZ
In der Diskussion über moderne Verteidigungsfähigkeit klingt vieles nach Zukunft: KI, autonome Systeme, Cloud-Technologien, digitale Wartung, vernetzte Plattformen. All das ist wichtig. Entscheidend ist jedoch eine andere Frage: Wie schnell wird aus technologischer Möglichkeit verlässliche Einsatzfähigkeit? Denn Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht im Moment der Innovation. Sie entsteht erst, wenn aus einer Idee eine belastbare Fähigkeit wird: integrierbar in bestehende Systeme, verständlich für die Menschen, die damit arbeiten, wartbar über Jahre hinweg und robust genug für Bedingungen, die selten ideal sind. Der Weg dorthin ist kein rein technischer Prozess. Er ist vor allem Übersetzungsarbeit.
Die Herausforderung dabei: Verteidigungssysteme sind auf Lebenszyklen von Jahrzehnten ausgelegt, während sich Technologien, Bedrohungslagen und Anforderungen heute in immer kürzeren Abständen verändern. Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten miteinander zu verbinden, wird zu einer zentralen Aufgabe moderner Verteidigungsfähigkeit. Genau hier entsteht der Engpass: zwischen Forschung und Anwendung, Plattform und Software, Entwicklung und Betrieb. Zwischen dem, was in einer Demonstration überzeugt, und dem, was im Einsatz zuverlässig funktioniert. Wer diese Übergänge nicht beherrscht, kann die beste Technologie besitzen und bleibt trotzdem zu langsam.
Damit verändert sich auch der Blick auf Engineering. Es ist nicht nur Entwicklung, Integration oder technische Umsetzung. Engineering wird zur Disziplin, die Reibungsverluste reduziert: zwischen Systemen, Organisationen, Prozessen und Einsatzrealität. Dazu gehört auch, Souveränität und Resilienz von Beginn an mitzudenken. Denn moderne Technologien basieren vielfach auf globalen Lieferketten sowie Cloud- und Dateninfrastrukturen. Wichtig ist, Abhängigkeiten beherrschbar zu machen und die eigene Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern.
An dieser Schnittstelle kann Akkodis einen relevanten Beitrag leisten: als Engineering-Partner, der Erfahrung aus Aerospace, Automotive, Industrie und Digitalisierung in sicherheitskritische Anwendungen überträgt. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Technologie, sondern ihre Nutzbarkeit im Verteidigungsumfeld – mit Blick auf Zuverlässigkeit, Skalierung und Lebenszyklusfähigkeit.
Diese Anforderungen mit immer kürzeren Entwicklungszyklen zu verbinden, ist die eigentliche Übersetzungsleistung und der Schlüssel, um technologischen Fortschritt schnell in verlässliche Einsatzfähigkeit zu überführen.
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