Wie sieht für Sie DIE Stadt der Zukunft aus, wenn wir davon ausgehen, dass 2050 bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten lebt?

Städte sind wie wachsende Organismen, man könnte sie auch wie eine große Spezies mit vielen Unter-Arten betrachten. Deshalb gibt es nicht DIE Stadt, es gibt europäische Städte, amerikanische Städte, asiatische Städte, afrikanische Städte.

Lagos kämpft mit ganz anderen Problemen als Dallas, und Peking ist kaum mit Hamburg zu vergleichen. Aber für alle gilt: Sie sind letztlich auf menschlichen Konnektomen, auf aktiven Kooperationen von Menschen aufgebaut. Städte sind immer so gut wie ihre im Sinne des Gemeinwohls dort zusammenarbeitenden Menschen.

Wie gut die Institutionen, die Behörden arbeiten, das ist essentiell. Städte können laut und bedrohlich sein, aber sie sind eben auch enorm vital, sie können sich neu erfinden. Eine Stadt wie New York hat heute eine viel größere Lebensqualität als vor 40 Jahren, als die Mordrate zehnmal so hoch lag, und selbst gekippte Städte wie Bogota oder Medellín, in denen die Kriminalität herrschte, können sich entwickeln.

Dort hat man das zum Beispiel mit Seilbahnen durch die ganze Stadt gemacht, was einen enormen Effekt hatte. Andere Städte, wie die chinesischen oder amerikanischen, leiden an einer wenig gewachsenen Stadt-Kultur, sie sind eher ein Siedlungs-Brei, dort wird es zu problematischen Effekten des Zerfalls kommen.

Generell geht die Tendenz in Richtung auf die ökosoziale europäische Stadt. Man denke an Barcelona, Kopenhagen, Amsterdam, Zürich, Wien, das sind die Städte mit der höchsten Lebensqualität. Und dort hat man eine sehr entwickelte Infrastruktur, einen aktiven Sozialstaat, und man löst mehr und mehr Umweltprobleme, zum Beispiel durch die Verdrängung der Autos aus den Stadtkernen.

Was muss eine Stadt bieten um für ihre Bewohner attraktiv zu sein?

Bildung, Kultur, Differenz, also Vielfalt. Das sind die eigentlichen Magnetpole, die die Jungen und Gebildeten in die großen Städte ziehen. Dazu gehört natürlich auch Infrastruktur, eine gewachsene Lebensqualität.

Aber Berlin zeigt, dass man selbst mit einer ziemlich rumpeligen Infrastruktur und einem vergurkten Flughafen eine lebendige, vibrierende Metropole sein kann. Große Städte sind Orte der Gegensätze und Unterschiede, und gerade diese Brüche machen sie oft interessant.

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek

Werden fliegende Autos bald Realität sein?

Das ist der alte Kinder-Futurismus der 60er Jahre. Wir nennen das auch einen “utopischen Running Gag”. Die Einführung von Flugautos wird immer für zehn Jahre in der Zukunft angekündigt. Und das schon seit hundert Jahren!

Und in hundert Jahren wahrscheinlich auch noch. Dann wird es allerdings kleinere Flugzeuge geben, und Drohnen für Passagiere, so dass Flugautos überflüssig sind. Es wird allerdings in zehn Jahren selbstfahrende Taxis in Ballungsgebieten geben.

Wie smart werden unsere zukünftigen Städte sein? Werden Menschen noch miteinander kommunizieren oder übernehmen dies die Maschinen für uns?

Detaillierte Fragen der technischen Infrastruktur können in der Tat die Maschinen unter sich ausmachen, etwa wann man in einer Straße das Licht anstellen oder wie man den Verkehr regelt oder große Gebäude steuert.

Aber Menschen sind Hyper-Kommunikationswesen, wir werden uns die Kommunikation nicht aus der sprichwörtlichen Hand nehmen lassen. Das Smartphone bleibt ein menschliches Werkzeug, mit allen Vor- und Nachteilen.

Wie werden wir unsere Zukunftsstädte mit Energie versorgen?

Gebäude können demnächst mehr Energie solar und durch Wind erzeugen, als sie verbrauchen. Alle Fabrik- und Logistikdächer werden solar belegt werden, das gibt eine enorme Menge Energien, und man wird riesige Energiespeicher unter den Gebäuden bauen.

Es wird ja auch wieder Platz frei in den Städten, etwa die ganzen Parkhäuser und größte Teile der Straßen, wenn das Auto seine absolute Dominanz verliert. Mittelfristig wird es eine Wasserstoff-Infrastruktur geben.

Wie sehen Sie als Trend- und Zukunftsforscher die Zukunft der deutschen Städte?

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek

Die meisten deutschen Städte haben sich in eine gute Richtung entwickelt. Wir nennen das auch den NEW URBANISM oder den Trend zu CREATIVE CITIES. Man kann das an meiner Heimatstadt Frankfurt sehen.

Vor vierzig Jahren, als ich dort studierte, stank der Main und die Innenstadt gehörte ab sechs Uhr nachmittags den Junkies, den Obdachlosen und der Polizei. Es wurden nur noch Betonschneisen in die Stadt geschlagen. Heute ist die Stadt kreuzlebendig, sie lebt aus ihrem Kern heraus, und wir finden selbst die Hochhäuser inzwischen schön.

Selbst die Bankenkrise konnte ihr nichts anhaben. Daran hat die Kultur einen großen Anteil, aber auch neue Architekturformen, in denen sich Arbeiten, Leben und Infrastruktur vom Kindergarten bis zum kleinen Laden wieder mischen - ganze neuen Stadtteile sind entlang des Flusses entstanden, und da lässt es sich wirklich Leben.

Das Industriezeitalter geht eben zu Ende, und mit ihm auch die strikte Trennung zwischen Industrie und Schlafstädten, weshalb man die Städte vom Kern aus wieder als Raum für die Bürger erschließen kann. Dazu kommen neue Formen von Bürger-Kooperation wie Co-Gardening, Co-Working, Co-Living und eben auch Car-Sharing.

Kann sich jede Stadt zu einer „Zukunftsstadt“ entwickeln?

Im Prinzip ja, wobei natürlich nicht alle riesige Hochhäuser haben können oder sollen. Aber Kreativität und Bürger-Aktivität kann es auch in vitalen Kleinstädten geben. Bildung funktioniert auch in Ulm oder Marburg.

Überhaupt sind die schönen Mittelstädte in Deutschland oft unterschätzt. Da gibt es manchmal tolle Universitäten und spannende Forschung und eine sehr lebendige Kulturszene.

Was zeichnet Städte aus, die „Zukunftspotential“ haben?

Ein guter Bürgermeister, der sich nicht an ideologischen Raster gebunden fühlt, eine aktive Bürgerschaft, und ein wachsender Bildungs-Cluster. Dazu eine gute Tradition der Veränderung, das hilft.