Prof. Wolfgang Wahlster ist einer der Vordenker, der den Begriff schon 2010 geprägt hat. Er gibt für das Interview einen Ausblick, wie die zukünftige Industrielandschaft in Deutschland aussehen wird.

Wie könnte die Industrie 2030 aussehen?

Im Jahr 2030 werden wir die Mehrzahl der Fabriken als so genannte Smart Factories umgerüstet haben: das Internet der Dinge ist dann in der Fabrikwelt angekommen. Natürlich werden wir dafür bestehende Fabriken nicht abreißen und neu bauen:   Industrie 4.0 ist zwar eine Revolution in der Produktionslogik, aber wird schrittweise als Evolution durchgeführt. 

Mit relativ geringen Investitionen kann man  die Vorteile von cyber-physischen Produktionssystemen nutzen,  indem man Bestandsfabriken mit Sensornetzen überzieht, durch dezentrale Steuerungskomponenten und die neue Generation kooperativer, mobiler Roboterteams ergänzt.

Was werden die Haupthandlungsfelder nach der Umsetzung sein?

Zu den großen Vorteilen von Industrie 4.0 gehört, dass wir nun kleine Losgrößen und eine sehr große Produktvielfalt zu den Preisen von Massenprodukten  herstellen können. Hinzu kommt, dass wir in einer Smart Factory durch das Plug&Produce-Prinzip  sehr kurze Umrüstzeiten haben, so dass ganz schnell auf volatile Markterfordernisse eingegangen werden kann.

Zudem sind die Zeiten vorbei, in denen wir für jede  neue  Produktgruppe eine zusätzliche Fabrik bauen müssen. Wir werden in 2030 immer mehr multiadaptive Fabriken haben, die  eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Produkte in derselben Fabrik entstehen lassen.

Was muss realisiert werden, damit die zuvor genannten Punkte umgesetzt werden können?

Jetzt müssen  wir dringend dafür sorgen,  über semantische Technologien die Interoperabilität bei der notwendigen Maschine-zu-Maschine-Kommunikation zu gewährleisten und die globalen Standards zu prägen. Es reicht nicht, in einem industriellen Internet  nur Bits und Bytes zwischen den Maschinen austauschen, sondern wir müssen die integrierte Produktion durch M2M-Kommunikation auf der Ebene   des inhaltlichen Verstehens zwischen den Maschinen  realisieren, um die Mehrwerte von Industrie 4.0 zu erreichen.

Dazu bedarf es einer Standardisierung und diese kann nicht nur von der IT herrühren, sondern sie muss mit dem Fachverstand sowohl des Maschinenbaus, als auch des Anlagenbaus und der Konstruktionstechnik versehen werden. Hier muss interdisziplinär ein Standard geschaffen werden, der für eine transparente und interoperable  semantische Kommunikation von Maschinen verschiedenster Hersteller Sorge trägt.

Wenn man der Fachpresse glauben darf, hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher.

Das kann ich absolut nicht bestätigen. Im Gegenteil. Wir führen ganz klar – und das sogar um rund zwei Jahre. Wir haben einen Vorsprung auch in der Umsetzung, denn schließlich stammen die Ideen zu Industrie 4.0 ja aus Deutschland.   Im Gegensatz zu anderen Ländern, die ihre Re-Industrialisierung jetzt eingeleitet haben, sind in Deutschland bereits die ersten Fabriken, die  Industrie-4.0 verwirklichen, im Produktivbetrieb.

Deutschland ist mit seinem exzellenten Maschinen- und  Anlagenbau, starken Unternehmen in der Unternehmenssoftware, innovativen Mittelständlern und seiner Spitzenforschung  deutlich Innovationsführer.