Die industrielle Produktion wird sich in dieser Hinsicht nachhaltig verändern. Interview mit dem Dortmunder Industriesoziologen Prof. Hartmut Hirsch-Kreinsen.

Wie kann die Arbeitslandschaft 2030 aussehen?

Das ist eine schwierige, bislang nur hypothetisch zu beantwortende Frage. Man kann aber einige Stichworte auf der Basis des jetzigen Wissens und der heutigen Evidenzen, die man hat, formulieren.

Ich denke, ein ganz zentraler Punkt ist, dass die Entwicklung von Arbeit kein zwangsläufiger technologiegetriebener Prozess ist, sondern dass Unternehmen und die entscheidenden Akteure viele Wahlmöglichkeiten und Alternativen für die Gestaltung von Arbeit haben.

Welche Alternativen gibt es?

Vor dem Hintergrund unserer Erkenntnisse und Forschungen sind es folgende: Einerseits gibt es durchaus die Chance, dass sich die Qualifikationen und Handlungsspielräume der jetzt Beschäftigten ganz generell auf der operativen Ebene in Richtung einer Aufwertung bewegen können.

Die Anforderungen werden anspruchsvoller, die Komplexität und Flexibilitätsanforderungen nehmen zu, und damit nehmen auch Entscheidungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten sowie Handlungsspielräume deutlich zu. Zugleich werden einfache Tätigkeiten durch die Technik substituiert. Zusammengefasst ist das ein Szenario, das man als Qualifikations-Upgrading bezeichnen kann. Eine andere Variante ist das, was man als Polarisierung bezeichnen kann.

Was heißt das genau?

Polarisierung von Qualifikationen meint, dass einerseits durchaus ein Upgrading, wie zuvor skizziert, stattfindet. Andererseits aber bleiben auf den unteren Ebenen viele einfache Tätigkeiten erhalten, die nicht ohne Weiteres programmierbar und standardisierbar sind.

Die mittleren Qualifikationen, etwa bezogen auf die industrielle Facharbeitsqualifikation und Sacharbeiterqualifikation, die in Grenzen auch routinisierbar und informatisierbar sind, werden zunehmend wegfallen. Es wird also langfristig ein Oben und Unten entstehen.

Und was passiert mit den mittleren Stellen?

Das ist die große Frage. Ich bin mir nicht sicher und würde auch nicht so weit gehen und sagen, dass weitreichende Arbeitsplatzverluste stattfinden werden. Die Gefahr würde ich jedoch auch nicht von der Hand weisen. Internationale Zahlen sagen, dass bis zu 47 Prozent der Arbeitsplätze ersetzbar seien, und hier hat man vor allem auch die mittleren Qualifikationen im Auge.

Ich halte das bezogen auf die deutsche industrielle Struktur allerdings für völlig überzogen. Es stehen viele Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung, und zudem ist die Einführung digitaler Technologien ein Prozess, der arbeitspolitisch viele Optionen hat, und der muss nicht zwangsläufig darin enden, dass Arbeitsplatzverluste stattfinden.

Schließlich ist die große Hoffnung, die sich mit Industrie 4.0 verbindet, eine Stabilisierung der industriellen Produktion in Deutschland und damit auch der Ausbau von Beschäftigung.

Wie sieht die Funktionsteilung zwischen Mensch und Maschine aus?

Man hat bei der Debatte um Industrie 4.0 oft das Gefühl, dass alles automatisiert wird und der Mensch in den Hintergrund rückt. Doch man muss nach den Stärken und Schwächen schauen. Sprich, welche Stärken die maschinelle Automatisierung hat und welche Stärken demgegenüber das menschliche Arbeitshandeln hat. Also komplementäre und nicht ausschließlich technologisch ausgerichtete Entwicklungsperspektiven sind sinnvoll und erstrebenswert.

Was muss bis 2030 in der Arbeitswelt passieren, auch in Unternehmen, damit die Industrie 4.0 ungesetzt werden kann?

Meine persönliche Formel ist: Das Personalmanagement muss an Einfluss und Bedeutung gewinnen. Es können nicht nur technologische Entwicklungen vorangetrieben werden, ohne HR und vor allem auch ohne den Betriebsrat mit einzubeziehen. Der Punkt ist, dass eine ganzheitliche Strategie verfolgt werden sollte, die nicht nur technologisch ausgerichtet ist, sondern auch systematisch Personal und Organisation mit einbezieht.

Welche neuen Arbeitsplätze werden gebraucht?

Es werden neue anspruchsvolle Arbeitsplätze entstehen. Einige sind: Systemdesign, Systemüberwachung, Ingenieurstätigkeiten, die sehr viel stärker auf IT ausgerichtet sein müssen als bisher.