Herr Hecht, was unterscheidet Ihre Arbeit am meisten von anderen Formen der Landwirtschaft – worauf kommt es besonders an?

In der Tierhaltung allgemein kommt es manchmal auf Stunden oder Minuten an, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Der Vorteil ist: Es ist nicht das Wetter oder die Umwelt, die meine Arbeit beeinflussen, es sind meine Entscheidungen, die direkten Einfluss haben. Nachteil: Wenn eine Entscheidung falsch war, muss ich damit umgehen und habe keine „Ausreden“. Größte Herausforderung ist der rasant steigende Wunsch nach mehr Tierwohl und Tierschutz, ohne die Konsequenzen für den Tierhalter absehen zu können.

Herr Müller, was unterscheidet die Milchviehwirtschaft von anderen Formen der Landwirtschaft?

Wir sind ein ganz normaler Bauernhof mit Kühen im Stall, in der Fachsprache ein konventionell wirtschaftender landwirtschaftlicher Familienbetrieb. Ich sehe mich als Unternehmer, als Pflanzenbauer, als Tierhalter, als Züchter und auch als Energiewirt, da wir seit 20 Jahren Energie über eine kleine Biogas- und PV-Anlage erzeugen, mit der wir eine Strommenge von 200 Durchschnittshaushalten ökologisch produzieren. 

Was läuft auf Ihrem Hof anders als auf anderen Höfen?

BH: Unser Erfolgsrezept ist eigentlich ein ganz altes: die Produktion in Kreisläufen.

JM: Ach, ich glaube nicht, dass es da große Geheimnisse gibt (lacht). Wir setzen uns als Familienbetrieb ganz klare unternehmerische Ziele, also wir wissen schon, wo wir hinwollen und wie wir unsere Ziele erreichen – aber das ist ja nichts Besonderes. Was wir vielleicht etwas mehr machen als andere Betriebe, ist die Öffentlichkeitsarbeit. Wir laden Gruppen ein und machen Führungen. Wobei man sagen muss, dass wir gar nicht alle Anfragen bedienen können. Es fällt im laufenden Betrieb viel Arbeit an, und die muss ja getan werden. Aber generell sind wir da sehr aufgeschlossen und haben keine Berührungsängste. 

Wie finanzieren Sie Ihren Hof? Welche Rolle spielen dabei Technologien und die Digitalisierung?

BH: Haupteinnahmequellen sind der Verkauf von Strom und Wärme aus der Biogasanlage und der Erlös aus dem Verkauf der Mastschweine. Digitalisierung spielt zunehmend eine Rolle, beschränkt sich aber hauptsächlich auf die Kontrolle und Steuerung der Fütterungs- und Lüftungstechnik.

JM: Wie wohl fast jeder Betrieb benötigen wir für große Investitionen auch Fremdkapital, aber wir achten schon sehr auf eine hohe Eigenkapitalquote. Besonders anspruchsvolle Technik mieten wir an. Wir wollen möglichst unabhängig sein, das macht uns als Unternehmen stark und gesund. Die Digitalisierung spielt natürlich schon eine Rolle, aber doch eher in einem bescheidenen Rahmen. Internet und Smartphone nutzen wir natürlich, aber viel wichtiger sind doch das Auge des Herren und der enge Kontakt zu unseren Kühen. Wir kennen jedes einzelne Tier, jede Kuh hat einen Namen, wir sehen unsere Kühe als Familienmitglieder.

Wie und warum sind Sie Landwirt geworden? Gibt es Förderprogramme, an denen Sie teilnehmen?

BH: Ich bin aus Leidenschaft und „Liebe“ zu Tieren und zur Natur Landwirt geworden, wie schon meine Eltern und Großeltern. Wie bin ich es geworden? Ich habe Abi-tur gemacht und habe dann Landwirtschaft mit der Vertiefungsrichtung Agrarmanagement studiert. Förderprogramme direkt gibt es nicht. Wir werden aber ab Februar 2019 mit allen Stufen der Schweinehaltung an der Initiative Tierwohl teilnehmen.

JM: Für mich war das nie eine Frage, ich war seit meiner Kindheit eigentlich jede freie Minute auf dem Hof meines Onkels, den ich vor 23 Jahren übernehmen durfte. Die Tradition spielt natürlich auch eine Rolle: Der Betrieb ist seit 250 Jahren in Familienbesitz und verpflichtet mich für den Generationenvertrag. Aber wie gesagt, ich brauchte da sowieso keine Gründe, das war immer mein Traum. Na ja, wenn es eine Förderung gibt, sagt niemand Nein, das ist ja klar. Das macht in unserem Betrieb aber nie mehr als 20 bis 25 Prozent aus. Es gibt zum Beispiel eine Weideprämie oder in meinem Fall ein zinsverbilligtes Darlehen für den Stallbau mit Kuhkomfort vor 20 Jahren.

Worüber regt man sich als Landwirt am meisten auf?

BH: Stetig steigender bürokratischer Aufwand, praxisferne Gesetzentwürfe und Vorschriften von „Fachleuten“, 80 Millionen „Agrar-, Umwelt- und Ernährungsexperten“ bei Schlagzeilen zu landwirtschaftlichen Themen.

JM: Über praxisfremde Bürokratie (lacht)! Ich denke mal, das ist in vielen Berufen so, aber was wir teilweise alles dokumentieren müssen, das ist schon ein Wahnsinn. Da gibt es einfach viele Verordnungen, die nicht mit praktizierenden Landwirten erarbeitet wurden. Alle reden immer von Bürokratieabbau, aber es wird eigentlich immer mehr.

Welche Rolle spielt das Konsumverhalten der Endverbraucher, Stichwort „Bio-Trend“, für Ihr Unternehmen?

BH: Noch keine, da der Wunsch nach mehr Tierwohl (mehr Platz, Stroh, Auslauf usw.) zwar deutlich und stetig steigt, aber spätesten an der Supermarktkasse in den meisten Fällen dann doch ganz schnell wieder erlischt. Tierwohl kostet Geld!!

JM: Eigentlich gar keine. Wir sind ja „offiziell“ kein Bio-Bauernhof, aber wir wirtschaften in Kreisläufen und nachhaltig, um unseren Bauernhof einer dankbaren nächsten Generation einmal übergeben zu können.

Das Leben als Landwirt wird oft extrem stilisiert – hier als naturverbundener Traumberuf, in dem man sein eigener Chef ist und gutes Geld verdient; dort als organisierte Tierquälerei, für die man auch noch 18 Stunden am Tag irgendwelchen absurden EU Richtlinien hinterherarbeiten muss. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag wirklich aus?

BH: Mit den EU Richtlinien muss sich jeder Landwirt beschäftigen, egal wie seine Produktionsform aussieht. Mein Arbeitstag beginnt, in der Regel, um 7.00 Uhr und endet um 16.30 Uhr. Ich habe so ziemlich jedes Wochenende frei und auch regelmäßig und ausreichend Urlaub. Also ganz „normal“. Und ganz ehrlich bin ich sehr glücklich darüber „nur“ angestellt zu sein, denn ich habe noch keinen selbständigen Landwirt getroffen, der viel Zeit und viel Geld hatte. Aber eins haben wir alle gemeinsam: die Liebe zum Beruf.

JM: Von solchen Extremen halte ich gar nichts – das ist letztlich auch einer der Gründe, warum wir sehr transparent sind und jeden einladen, sich einfach selbst mal ein Bild zu machen. Ich finde schon, wenn man es richtig anpackt und die richtige Einstellung mitbringt, ist Landwirt ein absoluter Traumberuf. Ich sehe gerade die Zugspitze vor mir im Abendrot, ich bin mein eigener Herr, ich lebe letztlich im „Rhythmus der Natur“, das heißt, meine Arbeit orientiert sich am Spannungsbogen zwischen Saat und Ernte, zwischen Kalb und Kuh, zwischen den Geschenken und den Gefahren der Natur. Mal gibt‘s Sonne, mal gibt’s Hagel – ich empfinde das als eine wunderbare Herausforderung. Und auch was die Arbeitszeiten angeht, möchte ich mit niemandem tauschen. Ich habe im Winter meine 25 Skitage, im Sommer geht’s in die Ferien mit den Kindern, wir fahren nach der Arbeit kurz zum Baden, wir essen zusammen und sind überhaupt sehr viel zusammen in der Familie. Aus meiner Sicht hat kaum jemand die Chance, das Leben so intensiv zu erleben wie ein Bauer, wenn er’s richtig macht.