Herr Tritsch, woher kommen eigentlich diese Hemmungen, "Leftovers" mitzunehmen?

Während das in den USA und in Asien bereits seit vielen Jahren normal ist, war es bei uns in Deutschland eher verpönt, nach einem "Doggy-Bag" zu fragen. Zum einen haben sich die Gäste nicht wirklich getraut, zum anderen wurde ihnen oftmals ein verächtlicher Blick entgegengebracht. Mit der Aktion „Restlos genießen“ wollten wir diese Hemmungen abbauen und das Thema Lebensmittelverschwendung greifbar machen. Sicher gibt es immer noch Restaurants, in denen das eher komisch rüberkommt (Sternegastronomie, teure Gourmetrestaurants), aber im Großen und Ganzen sollte es normal sein. Schließlich haben die Gäste dafür bezahlt. Es ist auch wirklich nichts Verwerfliches dabei.

Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihre Idee?

Wir haben schon etliche Diskussionen losgetreten. Es gab zahlreiche Artikel dazu in den Medien. Es wurde beispielsweise von „staatlicher Mitnahmepflicht“ (Anm.: die Aktion wird vom Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützt) und „Aufesszwang“ gesprochen. Der Großteil fand die Aktion aber sehr gut. Wir hätten jedenfalls nie mit so einem Medienecho gerechnet.

Was haben Sie in den letzten Jahren erreicht?

Wir schätzen, dass über 400 Restaurants bundesweit sich an der Aktion „Restlos genießen“ beteiligen. Laut Hersteller wurden mittlerweile rund 300.000 Beste-Reste-Boxen verkauft. Da ist also schon einiges vor der Tonne gerettet worden.

Hat sich Ihr eigenes Kauf- und Essverhalten durch die Beschäftigung mit der Materie geändert?

Schon mit der Geburt meines Sohnes vor elf Jahren wurde mir klar, dass wir die Verantwortung dafür tragen, in welcher Welt unsere Kinder aufwachsen. Mit dieser Erkenntnis änderte sich dann auch das Konsumverhalten. Wenn möglich, kaufe ich frische Produkte aus der Region, am besten in Bioqualität. Und da ich gerne Fleisch esse, kommt dies nur aus artgerechter Haltung auf den Teller. Häufig höre ich den Einwand, dass das ja viel mehr kostet. Das stimmt aber so nicht. Wir essen ja eh doppelt so viel Fleisch, wie es für eine gesunde Ernährung empfohlen wird. Also gibt es bei uns nur alle zwei bis drei Tage Fleisch. Und unterm Strich ist das nicht teurer als jeden Tag abgepacktes Fleisch vom Discounter.

Was bringt es den Restaurants, sich bei Ihnen zu beteiligen?

Wir bieten unseren Mitgliedern ein etabliertes Qualitätssiegel für gastronomische Betriebe und unterstützen diese dabei, ihr nachhaltiges Profil zu entwickeln und zu präsentieren. Mittlerweile haben wir über 70 Mitglieder aus der Gastronomie, die Verantwortung für Mensch und Umwelt tragen.

Einerseits machen bereits viele Restaurants mit, andererseits liest man immer von "Millionen Tonnen Lebensmitteln", die verschwendet werden. Sind Aktionen wie "Restlos genießen" mehr als der sprichwörtliche "Tropfen auf den heißen Stein"?

Natürlich ist „Restlos genießen“ nicht die Lösung des Problems. Aber in der Summe können Initiativen wie unsere etwas bewegen. Das Bewusstsein hat sich beim Thema Lebensmittelverschwendung in den letzten Jahren geändert. Allerdings erschweren die vielfach zu billigen Lebensmittel einen wirklichen Verhaltenswechsel. Da werden wohl nur gesetzliche Vorgaben wirklich etwas bewegen können. Aufklärung alleine reicht nicht.

Was würde es für die lebensmittelproduzierende  Industrie bedeuten, wenn  weniger weggeschmissen wird?

Schwer zu sagen. Zunächst würde man ja vermuten, dass weniger gekauft wird. Aber freiwillig würde die Lebensmittelindustrie ja kaum auf Umsatz verzichten. Wahrscheinlich würden die Preise steigen. Das wäre eine gute Möglichkeit, allen Beteiligten fairere Preise zu zahlen – auch dem Landwirt am Ende der Wertschöpfungskette. Und der Verbraucher müsste unter dem Strich nicht mehr ausgeben. Das würde auch die ökologische Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung begünstigen.

Information

Mehr Informationen finden Sie auf www.greentable.de.