Der Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Energiewirtschaft, an der Universität Köln und geschäftsführender Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln im Interview.

Wo sieht Deutschland seine Ziele in der Energie- und Klimaschutzpolitik?

Dominantes Ziel der deutschen Politik ist momentan der Ausbau einer bestimmten Technologieklasse, nämlich der erneuerbaren Energien, und das vor allem im Stromsektor. Andere Sektoren, wie der Wärme- und Mobilitätssektor, und weitere politische Ziele, wie etwa eine effiziente Treibhausgasminderung, die Stärkung des europäischen Binnenmarkts oder die Sicherheit der Energieversorgung, stehen demgegenüber eher im Hintergrund.

Was werden uns die kommenden 20 Jahre in diesem Bereich für Veränderungen bringen?

In der aktuellen Energiereferenzprognose, die das EWI gemeinsam mit Partnern für das Bundeswirtschaftsministerium erstellt hat, wird die wahrscheinliche Entwicklung zentraler Eckpfeiler der deutschen Energie- und Klimapolitik mit den Zielsetzungen aus dem Energiekonzept der Bundesregierung aus dem Jahre 2010 verglichen.

Die Studie zeigt, dass das Erneuerbaren-Ziel im Jahr 2020 voraussichtlich deutlich übererfüllt wird. Andere Ziele, wie die Treibhausgasreduktion, die Steigerung der Energieproduktivität und das Elektromobilitätsziel, werden aber teilweise deutlich verfehlt. Es wird interessant sein zu sehen, ob die Politik die Ziele anpassen wird oder ob sie mit zusätzlichen Maßnahmen aktiv gegenzusteuern versucht.

Bei welchen Energieträgern und erneuerbaren Energien sehen Sie das größte Potenzial?

Weltweit erwarte ich die stärksten technologischen Weiterentwicklungen bei der Solarenergie, vor allem im Bereich der Photovoltaik und zugehöriger dezentraler Speichertechnologien. Aber auch bei den fossilen Energieträgern, vor allem bei Öl und Gas, ist die Entwicklung der Explorations- und Produktionstechnologien noch lange nicht am Ende.

Im sonnenarmen Deutschland, in dem zudem die Sonne immer zur gleichen Zeit scheint, wird sich eine Erneuerbaren-Strategie vor allem auf den Ausbau der Windenergie stützen müssen. Kurzfristig mit einem Fokus auf Windenergie an Land, denn diese stellt mit Abstand die günstigste Option hierzulande dar. Langfristig werden wir jedoch auch die zwar teuren, aber sehr umfangreichen Potenziale für Wind Off-Shore erschließen müssen.

Wo sehen Sie die größten Hürden für die Energiepolitik der Bundesregierung?

Die aktuelle Reform des EEG hat gezeigt, dass sich die deutsche Energiepolitik zunehmend zu einem reinen Verteilungskampf entwickelt. Ein solcher Politikansatz könnte das Vertrauen der Bevölkerung in die deutsche Energiepolitik nachhaltig negativ beeinflussen. Größte „Sünde“ der Bundesregierung ist dabei die umfangreiche Nutzung von Umlagen zur Refinanzierung ihrer Energiepolitik.

Damit reduziert sie immer mehr die Leistungsfähigkeit des Wettbewerbs – und öffnet den Verteilungskämpfen gleichzeitig Tür und Tor. Kritisch ist auch die Vernachlässigung der europäischen Dimension, die Ausgangspunkt für jede sinnvolle Energie- und Klimapolitik sein müsste.

Gibt es vielleicht gerade spannende Entwicklungen und Trends?

Die Welt der Energietechnologien war vermutlich noch nie von so viel weltweiter Dynamik und Innovation geprägt. Hier kommen zwei starke Strömungen zusammen: die Veränderung des Energiemix und die rasant steigenden Möglichkeiten der digitalen Revolution. Vor diesem globalen Hintergrund muten die schier endlosen Debatten in Deutschland über den staatlich organisierten Umbau der Energiewirtschaft geradezu aus der Zeit gefallen an.

Es wird spannend sein zu sehen, ob und wann die deutsche Politik die Veränderungsdynamik dem Markt und dem Wettbewerb übergibt. Davon wird abhängen, ob wir wirklich Anschluss halten können an die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der globalen Energiewirtschaft.