Herr Moor – kurze Einstiegsfrage: Was verbinden Sie mit „Lust auf Land“?

Da stellt sich mir die Frage, was heißt Lust? Das Landleben ist aus meiner Sicht nicht da, um Lust zu verbreiten, sondern eine Lebensart. In meinem Fall die Lebensart, für die ich mich entschieden habe.

Was macht diese aus?

Ich fühle mich sehr privilegiert, weil ich in einem Dorf lebe, das so klein ist, dass ich, wenn ich auf der einen Seite meines Hauses aus dem Fenster schaue, das Zentrum des Ortes, nämlich die Pfuhle, also den Dorfteich samt dem bronzenen Hirsch, sehe.

Und auf der anderen Seite?

Dort sehe ich nichts als Wiesen, saftiges Grün, ein kleines Wäldchen und am Ende des Horizonts ein paar Windräder. Diese Weite, das Schweifenlassen des Blickes und der Gedanken – das ist es, was ich am Landleben liebe.

Gibt es weitere Vorteile, aus Ihrer Sicht?

Man muss sich sozialer verhalten als in der Stadt.

Inwiefern?

In der Stadt kann ich die Leute, mit denen ich mich abgeben möchte, frei wählen. Hier treffen sich Künstler mit Künstlern, Journalisten mit Journalisten und Banker mit Bankern – oft bleiben die verschiedenen Gruppen einfach nur unter sich. Das ist auf dem Land undenkbar. Da sind die Leute da, die da sind, und mit denen hat man auszukommen und die Dorffeste zu feiern. Auf diesem Weg lernt man ganz verschiedene Menschen kennen, mit denen man sich in der Stadt vielleicht nie unterhalten hätte, weil es einfach nicht dazu gekommen wäre. Damit muss man umgehen lernen.

Warum?

Weil es einfach andere Lebenskreise sind, als man selbst hat. Ich wandle in meinem Leben zwischen Kultur, Medien und Bauernhof, während andere Dorfbewohner zwischen dem Einfamilienhaus und dem Bürojob oder der Baustelle wandeln – das sind verschiedene Welten, die da teilweise aufeinandertreffen. Mir war es von Anfang an wichtig, meine Mitdorfbewohner kennenzulernen und mich in ihre Gemeinschaft zu integrieren.

Hat das geklappt?

Ich hoffe doch. Zumindest habe ich nicht das Gefühl, bei Dorffesten ausgegrenzt zu werden.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich vor 13 Jahren entschieden haben, aus der Schweiz nach Deutschland zu ziehen?

Das Hauptmotiv war Berlin. Diese Stadt fand ich damals sehr interessant, weil sie die Kunst und Kreativität der ganzen Welt angezogen hat. Man konnte selbst als mittelloser Künstler ganz gut in Berlin leben. Diese eingewanderte Energie faszinierte mich, und beruflich wollten meine Frau und ich nicht stagnieren, was in der Schweiz der Fall gewesen wäre. So war die Entscheidung ziemlich schnell getroffen.

Heute leben Sie jedoch nicht in Berlin, sondern am nordöstlichen Stadtrand der Hauptstadt, in Brandenburg.

Wir lebten in der Schweiz auch auf dem Land und hatten Tiere. Da lag es für uns nahe, auch weiterhin ländlich zu wohnen. Berlin ist ja von Brandenburg umzingelt, also wurde es Brandenburg.

Und Ihre Tiere sind alle mit Ihnen umgezogen?

Ja, unsere Übersiedlung kann man auch als Arche-Noah-Umzug bezeichnen (lacht) – vier Esel, drei Pferde, zwei Hunde, sechs Katzen und ein paar Laufenten.

Da war Ihr Bauernhof ja schon fast vollständig, als Sie in Brandenburg ankamen.

Ziemlich schnell kamen Schafe hinzu, und meine Frau hat sich entschieden, hauptberuflich in der Landwirtschaft zu arbeiten. Mit Mitte 40 hat sie dafür noch einmal die Schulbank gedrückt und das Diplom als Bäuerin gemacht.

Warum Schafe?

Uns wurde gesagt, dass es einfach sei mit Schafen: Die stelle man auf die Weide, sie fressen sich satt, machen nicht viel Arbeit. Es war leider nicht so. Schafe machen sehr viel Arbeit.

Wie kann man sich Ihren landwirtschaftlichen Betrieb vorstellen?

Da die Böden in Brandenburg laut Bodenpunkten von 20 bis höchstens 35 (Anm. d. Red.: Bodenpunkte beziffern die Qualität des Bodens: 100 Punkte, sehr guter Boden; 0 Punkte, Wüstensand) nicht die besten sind, haben wir uns gegen Feldfrüchte und für einen kleinen Biohof nach Demeter-Richtlinien mit inzwischen 160 Hektar Grünland entschieden.

Heute züchten Sie Wasserbüffel- und Galloway-Rinder. Warum genau diese Tierarten?

Damals gab es eine Naturschutzinitiative zur Landschaftspflege, zu der sich diese Rassen sehr eignen. Dafür wurden uns ein paar Tiere ausgeliehen. Doch dann kam alles anders, und heute gehören alle Rinder uns. Wasserbüffel sind einfach so großartige Tiere, dass man sie lieben muss, weil sie neugierig und genügsam sind, eine imposante Erscheinung, und wenn ich von 20 bis 30 Wasserbüffeln umringt bin, die alle eine Streicheleinheit wollen, macht mich das glücklich und ich weiß, dass wir – trotz aller Höhen und Tiefen – die richtige Entscheidung getroffen haben.

Welche Probleme?

Man schlägt sich schon mit vielen Fragen rum, oft auch existenzieller Natur. Es ist nicht leicht, auf einen grünen Zweig zu kommen, doch aufgeben kommt für uns nicht infrage.

Regelmäßig bieten Sie eine Führung auf Ihrem Bauernhof an. Was können Besucher dort sehen, erleben und lernen?

Sie können einen guten Einblick in das Leben auf einem Biohof nach Demeter-Richtlinien erhalten. Meine Frau führt sie über den Hof und die Weiden, die Tiere können gestreichelt werden und natürlich darf auch eingekauft werden. Eine tolle Sache, besonders für Familien und Landinteressierte.

Was wünschen Sie sich besonders?

Dass wir es schaffen, unseren Betrieb zu halten, auch wirtschaftlich. Und zwar so, wie es unser Prinzip der wesensgerechten Tierhaltung verlangt.