Die Bauwirtschaft in Deutschland befindet sich im Umbruch. Die durchgängige Digitalisierung aller planungs- und realisierungsrelevanten Bauwerksdaten birgt in der Wertschöpfungskette Bau mit ihren komplexen Planungs- und Prozessabläufen erhebliche Innovationspotenziale und erheblichen Mehrwert gerade für die öffentliche Hand als Auftraggeber.

Die Digitalisierung verändert unsere Welt. Internet und moderne Technologien prägen zunehmend die produzierende Industrie. Unter dem Sammelbegriff Industrie 4.0 hat die vierte industrielle Revolution in Deutschland schon seit einiger Zeit Einzug gehalten. Im Baubereich erhitzt Building Information Modeling (BIM) in Deutschland die Gemüter.

BIM kann zu deutlich mehr Effizienz im öffentlichen Auftragswesen beitragen.

Die Methode gilt vielen als wesentlichster Baustein für den Kulturwandel im Bauwesen seit der Umstellung auf CAD-unterstütztes Arbeiten. Sie ist in zahlreichen Ländern wie USA, Norwegen, Finnland, Dänemark, Singapur und Korea bereits seit mehreren Jahren meist verpflichtend im Einsatz.

In Deutschland wird BIM bislang fast ausschließlich in Projekten einiger privater, institutioneller Auftraggeber eingesetzt: Leider hat die öffentliche Hand damit kaum Erfahrung.

Während im Maschinenbau der flächendeckende Einzug moderner Informations- und Kommunikationstechniken und der Aufbau eines deutschen Leitmarktes innovativer Produktionstechnologien unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ mit wesentlicher Unterstützung der Bundesregierung voranschreitet, streitet der Baubereich noch über mögliche Marktveränderungen.

Der Mehrwert für die gesamte Wertschöpfungskette Bau wird von den einzelnen Beteiligten häufig nicht erkannt oder unterschätzt.

Vergleicht man die Effizienz in den Prozessabläufen und den Grad der Automatisierung anderer Wirtschaftszweige mit der des Hoch- und Tiefbaus, wird schnell klar, dass herkömmliche Geschäftsmodelle einer dringenden Reform bedürfen.

Schon die Koordination zwischen Architekt, Tragwerksplaner und Fachingenieuren legt Schwächen offen. Im traditionellen Bauprojekt erstellt der Architekt einen Entwurf zumeist mit einem CAD-System. Statik und Haustechnik werden dann von Ingenieuren auf Grundlage digitaler 2D-Architektenpläne entwickelt.

Die geometrischen Daten der Gebäude werden mehrfach eingegeben, weil eine Anpassung der importierten Informationen an die Daten- und Objektstruktur des eigenen Programms aufwendiger wäre als eine Neueingabe. Diese Arbeitsweise ist ineffizient und fehleranfällig. Zur Kostenkalkulation wird mittels separater Software eine Massenermittlung auf Basis der Zeichnungen erstellt.

Die Pläne werden unter anderem Fachingenieuren, Brandschutzgutachtern und Behörden vorgelegt. Treten Änderungen auf, müssen alle Pläne einzeln geändert werden, Massenermittlungen müssen angeglichen werden, die Beteiligten erhalten aktualisierte Zeichnungen und müssen diese wiederum mit ihren Fachplanungen abgleichen.

Viele unterschiedliche Softwaresysteme und nicht-offene Datenstandards verursachen unnötige Kosten in Planung, Bau und Betrieb, verlangsamen die Entwicklung und erhöhen die Fehlerquote.

Durchgängige BIM-basierte Planung wäre dagegen in der Lage, alle relevanten Gebäudedaten digital zu erfassen, zu vernetzen und als virtuelles Gebäudemodell geometrisch zu visualisieren. Zusätzlich könnten weitere Parameter verknüpft werden, wie spezifisches Gewicht, Festigkeit, Kosten oder gar die Zeitabfolge der Bauarbeiten in einem dreidimensionalen Modell.

Die Bauplanung wird mit Terminen, Bauzeiten und zeitlichen Abhängigkeiten verknüpft. Der Terminplan wird interaktiv, d. h. abgeschlossene Arbeiten werden über das 3D-Modell erfasst und die nachfolgenden Termine verschieben sich entsprechend dieser Eingaben. Änderungen sind für alle Beteiligten, sowohl als Zeichnung als auch als Datenpaket, direkt verfügbar.

Massen und Stücklisten, die zum Beispiel als Grundlage zur Kostenkalkulation dienen, werden automatisch abgeglichen. Eine weitere Dimension bietet die Verbindung von Planungs-, Sach- und Prozessdaten.

Die unmittelbare und gleichzeitige Verfügbarkeit aller aktuellen und relevanten Daten für alle Baubeteiligten würde eine maximale Prozesstransparenz sicherstellen. Änderungen in einem Bereich des Projektes können in den anderen Bereichen nicht übersehen werden. So wissen alle Beteiligten frühzeitig über Änderungen Bescheid und können besser planen.

Würden solche BIM-Prozesse definiert und von Auftraggebern konsequent eingefordert, ließen sich Bauprojekte sicherer, schneller und risikoärmer für alle abwickeln. Gerade Auftraggebern und Betreibern, insbesondere der öffentlichen Hand, wie Bund, Ländern und Kommunen, entstünden hierdurch erhebliche Effizienzvorteile.

Um international nicht abgehängt zu werden, hat sich in Deutschland eine bislang einmalige Initiative geformt: Führende Verbände und Institutionen aus der komplexen Wertschöpfungskette Bau haben im Februar 2015 die „planen-bauen 4.0 - Gesellschaft zur Digitalisierung des Planens, Bauens und Betreibens mbH“ gegründet.

Die Gesellschaft wird von den Gründern als nationale Plattform, als Kompetenzzentrum und als der Gesprächspartner im Bereich der Forschung, Regelsetzung und Marktimplementierung verstanden. Sie hat den Stufenplan entwickelt, der am 15. Dezember 2015 von Verkehrs- und Infrastrukturminister Alexander Dobrindt als Rahmen zur Einführung von BIM im Bereich des Bundesinfrastrukturbaus vorgestellt wurde.

Damit wurde von Minister Dobrindt die geforderte „Aufholjagd“ im internationalen Wettbewerb eingeleitet. Bleibt zu hoffen, dass sich die öffentliche Hand insgesamt hieran orientieren wird. Die Zeit bis Inkrafttreten eines ersten Zielniveaus, das im Stufenplan eindeutig definiert ist, muss nun intensiv genutzt werden.

Dies kann jedoch nur gelingen, wenn alle Baubeteiligten - Bauherren, Planer und Architekten, Unternehmen, Dienstleister, Behörden und Verbände - gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten!