Markus Schlitt, Leiter der Siemens Mobility Straßenverkehrstechnik erwartet in den nächsten Jahren grundlegende Veränderungen der urbanen Mobilität und damit ist er nicht alleine. Denn aktuell spitzt sich ein alter Konflikt immer mehr zu: Auf der einen Seite steht die Forderung nach freier Fahrt für freie Bürger – auf der anderen der Wunsch nach Rückgewinnung der Stadt als lebenswertes, grünes Umfeld. Die Lösung liegt irgendwo dazwischen. Wo genau, wird sich bald zeigen.

Klar ist nur, die Vorstellung der autogerechten Stadt aus den Wirtschaftswunderjahren ist heute überholt. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis sich der Gegenentwurf des stadtverträglichen Verkehrs durchsetzen konnte. Doch inzwischen herrscht hier ein breiter Konsens. Denn Experten gehen davon aus, dass sich 90 % des künftigen Bevölkerungswachstums in Städten konzentrieren wird – mit den entsprechenden Verkehrsproblemen. Allein in Deutschland, so das Ergebnis einschlägiger Hochrechnungen, verursachen die rund 1.000 täglichen Staus einen volkswirtschaftlichen Schaden von ca. 100 Milliarden Euro pro Jahr.
 

Es muss sich etwas bewegen.

Mobilität ist für mehr als ein Viertel unseres Endenergieverbrauchs verantwortlich. Vor diesem alarmierenden Hintergrund hat sich der Stellenwert umweltbewussten Denkens in den letzten Jahren drastisch erhöht. Aus einem „Nice to have“ wurde längst ein „Must have“. Hinzu kommt: das Auto verliert langsam seine Bedeutung als Statussymbol.

Damit ist klar: Durch automatisiertes und vernetztes Fahren wird sich die individuelle Mobilität voraussichtlich radikaler verändern, als jemals seit der Erfindung des Automobils. Denn sowohl unsere Fortbewegung als auch das Erscheinungsbild unserer Städte muss sich an die Mobilität der neuen Generation anpassen, die in Städten lebt und mehr Bedarf an individuellen Transportlösungen hat. Im besten Fall werden durch diese Mobility Revolution in Zukunft weniger Autos durch die Stadt fahren, und optimalerweise sind die verbleibenden Fahrzeuge elektrisch.

Trotzdem kann der Umstieg vom privaten PKW auf Sharing-Modelle und öffentlichen Nahverkehr nicht erzwungen werden. Hier ist viel Fingerspitzengefühl von den Verkehrsplanern gefragt. Damit der Wandel gelingt, müssen die Alternativen schlicht attraktiver werden als das Auto.
 

Gefragt sind ganzheitliche Lösungen

Große Veränderungen, wie die Automatisierung des Stadtverkehrs funktionieren nur, wenn sämtliche Transportsysteme zusammenarbeiten. Wie die Mobility Revolution ausgeht, ist damit auch eine Frage der Technologie, bei Fahrzeugen wie bei den flankierenden Systemen.

In Zukunft geht es also nicht mehr „nur“ um Urbanisierung, Umweltbelastung, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, überlastete Infrastruktur und demografischen Wandel, sondern auch darum, einen Paradigmenwechsel zu meistern. Die intelligente Vernetzung und der damit verbundene Datenaustausch hilft, Unfälle zu vermeiden und trägt so zur Sicherheit für uns alle bei. Wenn selbstfahrende Autos, moderne Vehicle2x-Kommunikation und selbstlernende Algorithmen die Straße in ein Internet of Things (IoT) verwandeln, stoßen die Lösungen von gestern und heute an ihre Grenzen.
 


Jetzt werden die Weichen gestellt

Je aktiver eine Stadt die Mobility Revolution mitgestaltet, desto bessere Aussichten hat sie, zu den Gewinnern zu gehören. Agieren statt reagieren: So lautet das Motto für die Städte und alle anderen Institutionen, die für die Konzeption zukunftsfähiger Mobilitätssysteme verantwortlich sind. Denn in Summe bringt die Digitalisierung für die mobile Gesellschaft mehr Chancen als Herausforderungen.

Nie zuvor war die Gelegenheit, die Lebensqualität und das Mobilitätsangebot einer Stadt gleichzeitig zu verbessern, so günstig wie in Zeiten der Digitalisierung. Gelingen kann das aber nur, wenn die Barrieren zwischen den einzelnen Transportarten endgültig verschwinden. Siemens Mobility setzt dabei vor allem auf systembasierte Lösungen. So ist der spanische Softwarespezialist Aimsun, ein neues Mitglied der Siemens-Unternehmensfamilie, in der Lage, mit digitalen Zwillingen städtische Verkehrsnetze zu simulieren. Dadurch können schnell und effizient Schwachpunkte lokalisiert und Optimierungen getestet werden. Gemeinsam mit der Tochter HaCon entwickelt Siemens Mobility zudem Apps, die den Zugang zu verkehrsträgerübergreifenden Tür-zu-Tür Reiseketten vereinfachen: inkl. Routenplanung, Buchung und Ticketing. Dabei ermöglicht die Analyse der Mobilitätsdaten die kontinuierliche Verbesserung des Mobilitätsangebots und -betriebes. Bedarfsgerechter Transport („Demand Responsive Transport“) in Verbindung mit umweltsensitivem Verkehrsmanagement, autonomem Fahren und Elektromobilität sorgt für einen emissionsarmen und effizienten Verkehrsfluss. So entstehen nicht nur für Verkehrsteilnehmer, sondern auch für Transportdienstleister und Städte echte Mehrwerte.
 

Die Vision

Platz und Zeit sind die beiden limitierenden Faktoren für den modernen Menschen. Wenn selbstfahrende Kleinbusse ihre Passagiere schneller ans Ziel bringen als selbstfahrende Taxis, dann lösen sie beide Probleme und senken zudem das städtische Verkehrsaufkommen. Voraussetzung dafür ist die Vernetzung aller Verkehrsträger. Gelingt diese Vernetzung, wird aus dem öffentlichen Transport ein öffentlicher Individualverkehr. Genau in dieser Kombination von individueller Mobilität und gesteigerter Lebensqualität liegt das Ziel von Siemens Mobility.

Dazu gehören ein zukunftsweisendes Flotten- und Infrastruktur-Management, neue Verkehrsmanagement-Tools und komfortable Informations-, Buchungs- und Abrechnungs-Systeme für alle Verkehrsträger. Mit Hilfe von MindSphere, der offenen Cloud-Plattform von Siemens, lässt sich ein leistungsfähiges IoT-Betriebssystem aufbauen, das die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur ermöglicht – bis hin zum Energiemanagement.

Dann kann sich das aktuelle Makro-Verkehrsmanagement zum Mikro-Verkehrsmanagement entwickeln, in Echtzeit alles mit allem verlinken und so den Handlungsspielraum der Mobilitätsverantwortlichen vergrößern. Dadurch wird der Weg frei für eine Mobilität mit individuellen Angeboten statt Fahrplan, mit weniger Verkehr, weniger Lärm und besserer Luft. Kurz für mehr Lebensqualität.