Noch bis Mitte November umkreist Alexander Gerst auf der Internationalen Raumstation ISS den blauen Planeten Erde. Er ist der dritte Deutsche, der in der ISS lebt und forscht. Für seine Mission wurde der Titel Blue Dot gewählt, in Anspielung auf ein Foto der Raumsonde Voyager.

Diese hatte auf ihrem Weg über die Grenzen des Sonnensystems hinaus bei einem Blick zurück die Erde als kleinen blauen Punkt fotografiert. Auf Basis dieses Bildes wurde dann das Logo für diese Mission kreiert, zwei Hände, die den blauen Planeten, die Erde, schützen. „Es soll daran erinnern, dass wir unsere Erde nicht zerstören sollten, sie ist das einzige Raumschiff, das wir haben“, erläutert Alexander Gerst.

"Unsere Erde ist das einzige Raumschiff, das wir haben."

Experimente im Weltall

Ein Aufenthalt auf der ISS, die etwa 110 mal 100 Meter groß ist, ist geprägt von Experimenten. In dieser Mission steht Forschung aus den verschiedensten Bereichen auf dem Programm. Rund 100 Versuche aus Materialphysik, Humanphysiologie, Strahlenbiologie, Sonnenforschung, Biologie und Biotechnologie, Fluidphysik, Astrophysik und Technologiedemonstrationen sind in den 166 Tagen, in denen sich Alexander Gerst 400 Kilometer über der Erde aufhält, geplant.

Dass Gerst nun auch Augenzeuge des Gazakonfliktes zwischen Israel und den Palästinensern wurde, war im Vorfeld der Mission nicht zu erwarten gewesen.

Übrigens, man kann die ISS regelmäßig zu bestimmten Zeiten auch von Mitteleuropa aus am Himmel erkennen: beispielsweise zwei bis drei Wochen fast täglich in der Morgendämmerung, im Anschluss daran zwei bis drei Wochen in der Abenddämmerung. Über verschiedene Onlinedienste ist der jeweilige Standort abrufbar. Die Raumstation umkreist etwa alle 90 Minuten einmal die Erde.

Im Laufe der Blue-Dot-Mission legten übrigens mehrfach Raumfahrzeuge an, die Material von der Erde in den Orbit brachten. Mit dem letzten europäischen Raumtransporter ATV (Automated Transfer Vehicle) „George Lemaître“ zum Beispiel gelangte ein Schmelzofen auf die ISS.

Schmelzofen im Orbit

Alexander Gerst hat die Anlage in der Raumstation installiert und in Betrieb genommen. In dem Schmelzofen sollen Proben von Metalllegierungen unter Schwerelosigkeit mittels elek­tro­mag­ne­ti­scher Felder in einer Spule kontaktfrei positioniert und aufgeschmolzen werden. In flüssigem Zustand ist es möglich, sie unter den Erstarrungspunkt herunterzukühlen, wodurch sie einen festen Zustand annehmen.

Mit dieser Versuchsanordnung wollen Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie von internationalen Universitäten Viskosität, Oberflächenspannung, ther­mi­sche Ausdehnung und Ähnliches auch von chemisch aggressiven Metallschmelzen mit hoher Genauigkeit bestimmen.

Die Wissenschaftler, die dieses Experiment entwickelt haben, wollen damit Einblicke in die frühen Phasen der Ausbildung von Werkstoffgefügen erhalten. Auf der Erde sind diese Messungen und Experimente nicht durchführbar, da die störenden Einflüsse der Erdanziehungskraft nicht ausgeschaltet werden können. Die Daten aus dem All dienen dazu, Produktionsprozesse beispielsweise von Gussteilen besser zu steuern und thermophysikalische Abläufe besser zu verstehen.

Arbeit außerhalb der ISS

Der anstrengendste Einsatz für den deutschen Wissenschaftler an Bord der ISS ist für Ende August geplant, dann soll er für mehrere Stunden außerhalb des Raumschiffs arbeiten. Was früher als Raumspaziergang beschrieben wurde, ist alles andere als das, sondern eine anstrengende Arbeit, von der sich Alexander Gerst erst nach einer guten Woche wieder erholt haben wird.

Diese sogenannten Extravehicular Activities, die Weltraumausstiege, dienen dazu, Experimente durchzuführen und die Raumstation zu warten. Der Raumanzug der Astronauten ist dabei ein Meisterwerk der Technik, wassergekühlt, Helmlampe und ein integriertes System zum Trinken unterstützen den Astronauten bei seiner Außenbordtätigkeit.

Vielfach wird die Frage gestellt, welchen Sinn die bemannte Raumfahrt denn macht. Die im All durchgeführten Forschungen beschäftigen sich mit Fragen und Problemen, die auf der Erde herrschen.

Um es mit den Worten des DLR, das federführend für den deutschen Part zuständig ist, zu sagen: „Die Forschungen, die sowohl auf der Erde als auch in der Umsetzung im All vorgenommen werden, haben das Ziel, die Verantwortung für den kleinen blauen Punkt, unsere Erde, in den Mittelpunkt zu stellen. Alle Zeit und Energie, die eine solche Langzeitmission erfordert, kann nur mit einem solch klaren Ziel und einer großen gemeinsamen Idee von allen Beteiligten erbracht werden.“