Die Automobilbranche steht vor fundamentalen Veränderungen: Gleich mehrere Entwicklungen verlaufen zeitgleich und bewirken gebündelt eine enorme Veränderungsdynamik. Der wichtigste Trend ist die Elektrifizierung des Antriebstrangs, also der Weg in Richtung E-Mobilität. Zugleich steigt die Komplexität in der Produktion, beispielsweise indem Konnektivität und autonomes Fahren verstärkt Einzug halten.

Hinzu kommen kürzer werdende Entwicklungszeiten, die kontinuierliche Internationalisierung der Branche und der allgemeine Trend zur Digitalisierung bestehender Produktionstechnologien. In Summe führt dies zu einem steigenden Veränderungsdruck im wichtigsten deutschen Industriezweig mit einem einen enormen Investitionsbedarf.

Attraktive Materialkonzepte

Welche Folgen hat diese Veränderungsdynamik für die Zuliefer- und Werkstoffindustrie? Die Notwendigkeit für die Automobilhersteller Kosten zu sparen um Investitionsmittel für die Entwicklung neuer Fahrzeugkonzepte bereit zu halten, dürfte in den kommenden Jahren steigen.

Ohne Stahl ist keine Energiewende und auch keine Wende zur Elektromobilität im Auto möglich.

Werkstofflieferanten und Technologiepartner haben deshalb auch die Aufgabe, ihren Kunden in der Fahrzeugindustrie zu helfen, Kostenpotenziale zu heben und ihnen wirtschaftlich attraktive Materialkonzepte an die Hand zu geben.

Und Stahl hat gerade im Volumenmarkt gute Voraussetzungen der Werkstoff der Wahl zu bleiben. Stahl bietet hier die besten Chancen, im Zieldreieck Gewichtseinsparung, Sicherheit und Kosten auch für zukünftige Fahrzeuggenerationen optimale Lösungen zu ermöglichen.

Werkstofflieferanten achten vor diesem Hintergrund konsequent darauf, ihr Portfolio ständig zu optimieren, um die Kunden mit passgenauen Werkstofflösungen für verschiedenste Anwendungsfälle zu unterstützen. Das können neue Stähle für den Einsatz in crashrelevanten Bereichen oder innovative und ressourcensparende Zink-Magnesiumüberzüge für die Fahrzeugaußenhaut sein, um zwei Beispiele zu nennen.

Neben der Weiterentwicklung bestehender Werkstoff- und Technologiekonzepte wird es vor allem darauf ankommen, durch intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit auch ganz neue Werkstoffe zu entwickeln, um den Autoherstellern zusätzliche Möglichkeiten zu bieten. Die Entwicklung mehrschichtiger Stahl-Werkstoffverbunde mit bislang unerreichbaren Eigenschaftsprofilen ist dafür ein Beispiel. Und nicht zuletzt wird Stahl in Form von effizientem Elektroband mit dabei helfen, der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen – denn ohne Stahl keine E-Mobilität.


Intelligente Portfoliopolitik

André Matusczyk im Interview.

 

André Matusczyk

Leiter der Business Unit Auto bei thyssenkrupp Steel Europe

 

Elektroantriebe, autonomes Fahren, neue Mobilitätskonzepte: Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Wie kann Stahl helfen, diesen Umbruch erfolgreich zu gestalten?

Stahl und Stahlleichtbau werden unabhängig von der Antriebsart auch in den kommenden Fahrzeuggenerationen eine dominierende Rolle spielen. Als Partner der Automobilindustrie versorgen wir unsere Kunden mit Materialkonzepten die wirtschaftlich hoch attraktiv sind. Damit machen wir Fahrzeuge leichter, aber nicht unbedingt teurer. Das ist entscheidend, denn der Umbruch in der Automobilindustrie kostet die Hersteller viel Geld und erfordert hohe Investitionen.

Mit innovativen Produkten und einer intelligenten Portfoliopolitik unterstützen wir unsere Kunden, die radikalen Veränderungsprozesse erfolgreich zu gestalten. So haben wir beispielweise für die Sicherheitszelle im Fahrzeug neue Produkte entwickelt, mit denen der Autobauer ohne Einbußen beim Insassenschutz Gewicht sparen kann.

Wie werden sich zukünftig die Anforderungen an den Automobilleichtbau entwickeln?

Wir haben bei Fahrzeugen mit konventionellem Verbrennungsantrieb gezeigt, dass Stahlleichtbau überall dort sehr erfolgreich ist, wo Autos in großen Stückzahlen bei gleichzeitig hohem Kostendruck gebaut werden. Vom Kleinwagen bis hin zur oberen Mittelklasse, bei leichten Nutzfahrzeugen und einem Großteil der Vans, das bedeutet bei drei Viertel aller Fahrzeuge ist Stahl der bevorzugte Werkstoff in der Karosserie. Nehmen Sie als Beispiel den Golf: Dort wurde ein Leichtbauerfolg von 23 Kg erzielt – auch mit Stählen von thyssenkrupp.

Ohne Stahl keine Elektromobilität.

Während bei Benzin- und Dieselantrieben der Leichtbaudruck in der Vergangenheit stetig gestiegen ist, wird beim Elektroantrieb die Bedeutung des Leichtbaus aufgrund der Energierückgewinnung (Rekuperation) tendenziell eher sinken, wohingegen der Kostendruck hoch bleiben wird. Denn Elektromobilität muss erschwinglich werden, und davon sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Stahl kann hier helfen, denn der besonders wirtschaftliche Stahlleichtbau leistet seinen Anteil, die innovative Antriebstechnologie auch für den Massenmarkt bezahlbar zu machen.

Welche Impulse kann Stahl im Bereich des Antriebs selbst geben?

Ohne Stahl keine Elektromobilität: wir brauchen ihn als Elektroband zwingend zur Herstellung der E-Motoren. Zu einer intelligenten Portfoliopolitik gehört es daher auch, Elektrobandsorten anzubieten, die hochfest sind, um den Bau schnelldrehender Antriebsmotoren zu ermöglichen und die zudem durch verbesserte magnetische Eigenschaften dafür sorgen, die Motoren effizienter zu machen und so deren Reichweite zu erhöhen; ein zentraler Aspekt für die Akzeptanz von Elektroautos. Stahl wird darüber hinaus auch an vielen weiteren Stellen in Elektrofahrzeugen Verwendung finden, zum Beispiel zur crashsicheren Einhausung des Batteriegehäuses.